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Dieser Blog wandelt sich genauso wie mein Verständnis und meine Darstellung der stoischen Philosophie.

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Epiktet und Kontrolle

In diesem Beitrag geht es darum, was Epiktet in seinem Handbüchlein der Moral uns bereits zu Beginn mitteilte:

Einige Dinge stehen in unserer Macht, andere hingegen nicht. In unserer Macht sind Urteil, Bestrebung, Begier und Abneigung, mit einem Wort alles das, was Produkt unseres Willens ist. Nicht in unserer Macht sind unser Leib, Besitz, Ehre, Amt, und alles was nicht unser Werk ist. Was in unserer Macht ist, ist seiner Natur gemäß frei, kann nicht verboten oder verhindert werden; was aber nicht in unserer Macht steht, ist knechtisch, kann verwehrt werden, gehört einem anderen zu.

Das grundsätzliche Menschenbild der Stoiker ist, dass Menschen in ihrer ethischen und moralischen Entwicklung stets voranschreiten sollten, indem sie lernen, wie man tugendhaft handelt, und indem sie ihre Beziehungen zu anderen Menschen erweitern und vertiefen. Als vernünftige (im stoischen Sinne: mit Vernunft ausgestattete) Menschen ist es genau dies, was in unserer Macht steht bzw. worüber wir direkte Kontrolle haben. Darüber hinaus gibt es viele Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben, zum Beispiel ob wir berühmt werden, ob wir krank werden oder ob Familienmitglieder sterben.

Daher legen die Stoiker sehr viel Wert darauf zu unterscheiden, was in ihrer Macht steht, worüber sie Kontrolle haben und worüber sie keine Kontrolle haben. Mit dieser Art der Unterscheidung erlangt der Stoiker eine Freiheit von bestimmten negativen oder destruktiven Emotionen, die darauf zurück zu führen sind, dass er nach etwas strebt, was nicht in seiner Macht steht.

Stoisches Zielesetzen

Der Stoiker empfiehlt daher, seine Wünsche in die folgenden Bereiche zu verlegen:

  1. Sachen, über die wir direkte Kontrolle haben (s. Epiktet)
  2. a) Sachen, über die wir “ein wenig Kontrolle” haben (bspw. ob wir ein Tennis-Match gewinnen)
    b) Sachen, über die wir keine Kontrolle haben (ob morgen die Sonne aufgeht)

Die Ziele im Bereich 2. sollten dann eine Art “Vorbehalt” enthalten, wie zum Beispiel “…wenn alles klappt”. Somit bleibt ihrer Ansicht nach der Bezug zur Realität erhalten, da es immer anders kommen kann, als man denkt und damit bleiben auch Enttäuschung und Frustration aus.

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Trichotomie der Kontrolle

Irvine beschreibt in seinem Buch A Guide to the Good Life seine Trichotomie der Kontrolle (also 3 statt 2 Bereiche, daher habe ich den zweiten Bereich oben unterteilt). Seine Begründung für eine Trichtomie ist, dass ich bei 2a immer noch den Einfluss habe, mein Bestmögliches zu geben (bestmöglich Tennis zu spielen), wohingegen ich bei 2b wirklich total machtlos bin.

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Denk also daran: Wenn Du das von Natur aus Abhängige für frei hältst und das Fremde für dein eigen, so wird man deine Pläne durchkreuzen und du wirst klagen, die Fassung verlieren und mit Gott und der Welt hadern; hältst du aber nur das für dein Eigentum, was wirklich dir gehört, das Fremde hingegen, wie es tatsächlich ist, für fremd, dann wird niemand je dich nötigen, niemand dich hindern, du wirst niemanden schelten, niemandem die Schuld geben, nie etwas wider Willen tun, du wirst keinen Feind haben, niemand wird dir schaden, denn du kannst überhaupt keinen Schaden erleiden.
– Epiktet Handbüchlein der Moral

Lernen, zu differenzieren

Nach Epiktet stehen also Urteil (Meinung), Bestrebung (Motivation), Begier (Wunsch) und Abneigung in unserer Macht.

Marcus Aurelius hat noch folgendes hinzuzufügen:

Mach einmal den Versuch, wie sich’s als rechtschaffener Mann lebt, der mit dem vom Weltganzen ihm beschiedenen Schicksale zufrieden ist und in seiner eigenen rechtschaffenen Handlungsweise und seiner wohlwollenden Gesinnung sein Glück findet.
– Selbstbetrachtungen 4.25

Die Kunst, die du gelernt hast, sei dir lieb; da mußt du verweilen. Den Rest deines Lebens verbringe als ein Mensch, der alle seine Angelegenheiten von ganzer Seele den Göttern überlassen hat und sich weder zu irgendeines Menschen Tyrannen noch Sklaven macht.
– Selbstbetrachtungen 4.31

Im ersten Zitat weist Marcus sich an, sich auf seine ethische Entwicklung zu konzentrieren, welche in seiner Macht steht: versuchen, ein gutes Leben zu führen.

Im zweiten Zitat ermahnt er sich zu akzeptieren, dass seine Handlungen und sein Leben Teil eines größeren Ganzen ist, auf das er nur einen kleinen Einfluss hat. Das einzige, was er hat, basiert auf seiner Lebensphilosophie. Alles “dazwischen” obliegt dem Schicksal und nicht seiner Kontrolle (und das sagt er als Kaiser Roms!)

Akzeptieren, was ist und angemessen reagieren

Die Stoiker lernen zu akzeptieren und anzuerkennen, was außerhalb ihrer Kontrolle ist. Das bedeutet nicht, dass man alles resignierend hinnimmt, vielmehr bemüht sich der Stoiker um eine angemessene Reaktion darauf, denn das wiederum steht in seiner Macht. Daher kommt auch die stoische Gelassenheit: die Fakten akzeptieren und nicht aufgeben!

Das bekannte Zitat von Reinhold Niebuhr, das auch Einzug bei den Anonymen Alkoholikern hält, fasst diese stoische Philosophie zusammen

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

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Anwendung im eigenen Leben

Nimm dir ein paar Minuten Zeit, was diese Unterscheidung für dein Leben bedeutet. Mache zum Beispiel 2 Listen: eine mit Dingen und Situationen in Deinem Leben, die du durch deine eigenen Handlungen und Bestrebungen kontrollieren kannst, und eine andere Liste mit Dingen, die du nicht kontrollieren kannst.

Schaue dir dann die Listen an und überlege, welche dieser Listen dir wichtiger und wert-voller erscheint. Inwiefern entsprechen deine Listen der stoischen Unterscheidung nach Epiktet? Inwiefern erscheinen die Themen wie bspw. Gesundheit, Wohlstand und sozialer Status in deinen Listen? Dinge, auf die du keinen direkten Einfluss hast (diese werden auch gerne als extern oder gleichgültig bezeichnet).

Passe deine persönlichen Ziele entsprechend an, indem du sie in den Bereich des “Machbaren” (1) herunter brichst oder um den Beisatz “, wenn mich nichts daran hindert” (2) ergänzt.

Der Text basiert z.g.T. auf dem Booklet zur Stoic Week 2015

Zitate via Projekt Gutenberg: Handbüchlein der Moral und Selbstbetrachtungen