Im letzten Artikel hat uns vor allem Epiktet erklärt, was unserer Kontrolle obliegt. Heute möchte ich das ein wenig praktischer machen. In der Facebook-Gruppe habe ich “kurz” eine mögliche stoische und meine persönliche Vorgehensweise zu aktuellen Themen erläutert – das möchte ich hier erweitern und verallgemeinern. Zum Beispiel beim Umgang mit Ärger.

Die Anwendung der stoischen Prinzipien und Tugenden auf aktuelle Geschehen und persönliche Erfahrungen ist essentiell – da die stoische eine praktische Lebensphilosophie ist und, wie bei allem, darf man die Theorie auf das echte Leben anwenden. Vermutlich war das auch Marcus Aurelius’ Intention bei seinen Selbstbetrachtungen: Solange die Prinzipien auf die Umstände anwenden, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Welche Prinzipien, Werte und Tugenden?

Ich liste hier zuerst die Prinzipien, Werte und Tugenden auf, belege sie zum Teil mit Zitaten und beziehe mich dann unten in den Beispielen wieder darauf.

Perspektiven

Die Stoiker kennen mehrere Perspektiven auf die Welt:

  1. Sich Selbst, der eigene Mensch
  2. Die Menschheit
  3. Die Welt/den Kosmos

Kontrolle

Das, worüber wir Kontrolle haben (s. Epiktet aus dem Artikel über Kontrolle)

Das Gute im Menschen

Marcus Aurelius

Marcus schreibt in 9.42

Sooft du an der Unverschämtheit jemandes Anstoß nimmst, frage dich sogleich: Ist es auch möglich, daß es in der Welt keine unverschämten Leute gibt? Das ist nicht möglich. Verlange also nicht das Unmögliche.

Es wird also immer andersgesinnte Menschen geben – das ist menschlich und das “muss” man akzeptieren.

Denn sobald du dich daran erinnerst, daß das Dasein von Leuten dieses Gelichters nun einmal nicht zu verhindern ist, wirst du auch gegen jeden einzelnen derselben milder gesinnt werden.

Denn hinter jeder Untugend steckt auch eine getarnte Tugend:

Auch das frommt, wenn man sogleich bedenkt, welche Tugend die Natur dem Menschen diesen Untugenden gegenüber verliehen hat. So verlieh sie ja dem Rücksichtslosen gegenüber, als eine Art Gegengift, die Sanftmut, und wieder einem andern eine andere Gegenkraft, und im ganzen steht es in deiner Gewalt, den Irrenden den rechten Weg zu zeigen.

Wenn uns etwas im Außen missfällt, dann stehen wir damit irgendwie selbst in Resonanz und das dürfen wir hinterfragen:

Sieh zu, ob du nicht vielmehr dich selbst deshalb anklagen solltest, daß solch ein fehlerhaftes Benehmen von diesem Menschen dir so unerwartet kam.

Epiktet

Eher soll man den Irrenden zeigen, wie es richtig geht; dazu Epiktet (Unterredungen):

Als Lykurg ein Auge ausgestossen wurde und man ihm den Täter zur beliebigen Bestrafung übergab, strafte er ihn nicht, sondern erzog ihn zu einem guten Menschen. Als er ihn dann in die Versammlung mitnahm und sich alle darüber wunderten, sagte er: “Einen Frevler und Übeltäter habt ihr mir mit diesem Mann übergeben, als bescheidenen und ehrlichen Bürger bringe ich ihn euch zurück.”

Marcus Aurelius’ Morgenmeditation

Eine ganz besonders hohe Anzahl an weisen Gedanken hat Aurelius in 2.1 parat:

  1. Sage zu dir in der Morgenstunde: Heute werde ich mit einem unbedachtsamen, undankbaren, unverschämten, betrügerischen, neidischen, ungeselligen Menschen zusammentreffen.

  2. Alle diese Fehler sind Folgen ihrer Unwissenheit hinsichtlich des Guten und des Bösen. Ich aber habe klar erkannt, daß das Gute seinem Wesen nach schön und das Böse häßlich ist,

  3. daß der Mensch, der gegen mich fehlt, in Wirklichkeit mir verwandt ist, nicht weil wir von demselben Blut, derselben Abkunft wären, sondern wir haben gleichen Anteil an der Vernunft, der göttlichen Bestimmung.

  4. Keiner kann mir Schaden zufügen, denn ich lasse mich nicht zu einem Laster verführen.

  5. Ebensowenig kann ich dem, der mir verwandt ist, zürnen oder ihn hassen; denn wir sind zur gemeinschaftlichen Wirksamkeit geschaffen, wie die Füße, die Hände, die Augenlider, wie die obere und untere Kinnlade.

  6. Darum ist die Feindschaft der Menschen untereinander wider die Natur; Unwillen aber und Abscheu in sich fühlen ist eine Feindseligkeit.

Ich habe die einzelnen Sätze oben unterteilt und hier unten erläutert – denn hier steckt sehr viel stoische Weisheit drin!

  1. Das ist eine stoische Übung: Sich klar zu machen, dass es Menschen geben wird, die andere Werte verfolgen.
  2. Dies tun sie aus Unwissenheit über die Unterscheidung von Gut und Böse (s. Epiktet aus dem Artikel vorher) und dass das Gute erstrebenswert ist.
  3. Der andere Mensch ist Teil des gleichen “Organismus” Mensch und Teilhaber einer großen Vernunft. (In esoterischen Lehren spricht man auch von “wir sind Eins”)
  4. In diesem Punkt erklärt Marcus, dass er selbst verantwortlich ist, sich von dem Verhalten anderer nicht beeinflussen zu lassen
  5. und dass er anderen nicht böse sein kann, denn alle Menschen zusammen verbindet ein gemeinsamer Zweck.
  6. Daher sind Feindschaften (Kriege, Auseinandersetzungen) entgegen der menschlichen Natur und Un-Vernunft sowie sich selbst missachten ein grober Fehler.

Leben im Moment

“Tue immer das Beste in der Situation für das Gemeinwohl”
“Lebe im Moment.”
“Was würde der stoische Weise tun?”

Merksätze

  1. Wechsle die Perspektive; sieh es aus der richtigen Perspektive
  2. Es wird immer untugendhafte Menschen geben, die aufgrund von “Verwirrung” so handeln;
  3. Erkenne selbst, was gut, böse und wider der Natur ist
  4. Akzeptiere, was (menschlich) ist.
  5. Wir sind alle Teil von etwas Größerem.
  6. Was habe ich selbst mit dem Thema zu tun?
  7. Handle ich tugendhaft?
  8. Ich bin selbst für meine Reaktion verantwortlich.

Anwendung der Merksätze

Auf dem Weg des Stoikers ist es eine gute Praxis, sich eine längere Zeit mit ausgewählten Merksätzen oder Zitaten auseinanderzusetzen. Am besten schreibt man sie sich auf eine Karte, die man im Geldbeutel, Handy- oder Brusttasche aufbewahren kann und immer zur Hand hat.

Wirklich ärgerlich?

Wie sieht das mit dem Ärger im Alltag aus?

Die Bahn oder der Flieger kommen zu spät, man steckt im Stau oder jemand benimmt sich im Straßenverkehr unangebracht

(Umstände, die nicht direkt mit Menschen zu tun haben und auf die wir keinen Einfluss haben)

Ein Klassiker: Akzeptiere die Situation und mache das Beste daraus, denn Du kannst es nicht ändern. So mag doch die ganze Aufregung “nur” auf Deinen Urteilen basieren. Auf Deinen Urteilen über die Beteiligten (“…die Bahn…die Airline…wie unzuverlässig…”) oder über Szenarien, wie die Zukunft aufgrund dieser aktuellen Unannehmlichkeit aussehen mag (“…dann verpasse ich den Anschluss…”, “…komme zu spät zum Essen…Meeting…”).

Stattdessen überlege, wie Du die Situation bzw. die Konsequenzen entschärfen kannst.
Zur Not: Lies in einem Buch über die Stoa 😉

Jemand drängelt an der Kasse

(Umstände, die mit Menschen zu tun haben und auf die wir ein wenig Einfluss haben)

Es sollte ein freundlicher Hinweis genügen, dass man nicht zu drängeln braucht. Ein zweiter Versuch darf es auch sein – nachdrücklich, selbstbewusst, freundlich. Keinesfalls die Person bloßstellen o.ä., denn das wäre untugendhaft.

Dir passiert ein Missgeschick

(Umstände, auf die Du Einfluss hast)

Auch hier ist die Lösung einfach: Wenn Dir ein Fehler passiert ist, korrigiert man ihn, soweit möglich, lernt daraus und schließt damit ab.
Es hilft nichts, die Schuld bei anderen oder den Umständen zu suchen. Menschen machen Fehler und dürfen für ihr Tun die Verantwortung übernehmen.

Auf jeden Fall und immer gilt:

Das einzige, was immer Deiner Kontrolle unterliegt, ist Deine Reaktion auf die Umstände.