Nach der Beschaffenheit der Gegenstände, die du dir am häufigsten vorstellst, wird sich auch deine Gesinnung richten; denn von den Gedanken nimmt die Seele ihre Farbe an. Gib ihr also die Färbung durch eine Reihe von Vorstellungen der Art wie: Wo man leben muss, da kann man auch glücklich leben;
Marcus Aurelius – Selbstbetrachtungen V.16

Wie werde ich tugendhafter? Wie werde ich ein besserer Mensch? Wie erreiche ich meine Ziele, im stoischen Sinne?

Diese Fragen stellt sich zwar nicht jeder, aber immer mehr Menschen.

Abend-Reflexion

Epiktet riet seinen Studenten, dass sie abends über ihren Tag reflektieren sollten:

Auch sollst Du nicht mit müden Augen zu Bett gehen, bevor Du nicht sorgfältig nachgeprüft hast, was Du am Tag getan hast. Habe ich unrecht gehandelt? Was habe ich mit Liebe vollbracht? Was habe ich unterlassen? Von der Ersten bis zur Letzen; prüfe deine Handlungen und korrigiere die kläglichen Taten und erfreue dich deiner guten
(Unterredungen, 3.10.2–3)

Man soll also seinen Tag Revue passieren lassen und prüfen, was man gut gemacht hat, wo man versagt hat und was man morgen besser machen will.

Doch wonach soll ich meine Handlungen ausrichten?

Um tugendhafter zu werden, benötigt man bestimmte Tugenden oder Werte nach denen man strebt.
Die Stoiker standen für die Werte Weisheit, Mut, Gerechtigkeit und Mäßigung. Daher schaute der Stoiker, dass seine Handlungen diesen Werten entsprachen. Wenn nicht, überlegte er sich was er tun musste, um seinen Werten gerecht zu werden.

Gerade am Anfang erfordert es ein wenig mehr Nachdenken, wie man diese Werte im Alltag leben kann und wie man diese auf die Kleinigkeiten (wenn überhaupt) des Alltags anwenden kann.

Morgen-Visualisierung

Marcus Aurelius bringt es in diesem Zitat auf den Punkt:

Sage zu dir in der Morgenstunde: Heute werde ich mit einem unbedachtsamen, undankbaren, unverschämten, betrügerischen, neidischen, ungeselligen Menschen zusammentreffen. Alle diese Fehler sind Folgen ihrer Unwissenheit hinsichtlich des Guten und des Bösen.
Selbstbetrachtungen, II.1

Erwartungs-Management: Es kommt häufig anders, als man denkt

Viele Menschen erwarten, dass immer alles glatt läuft, doch weiß selbst der Volksmund, dass dem selten so ist “Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.” Im Prinzip geht es hier auch um das Thema “Was habe ich wirklich unter Kontrolle?“. Marcus kann die anderen Menschen nicht kontrollieren und muss daher damit rechnen, dass nicht jeder einen guten Tag hat oder ihm wohlgesonnen ist. Daher ist es aus stoischer Sicht richtig so zu denken, denn das einzige, was man selbst kontrollieren kann, ist wie man darauf reagiert.

Negative Proaktive Visualisierung

William Irvine nennt das “negative Visualisierung”, andere sprechen auch von der Vorwegnahme von Katastrophen. Es geht einfach darum, dass du dir Gedanken machst, was heute passieren kann und wie du darauf reagieren wirst. In einem späteren Beitrag gehe ich da genauer drauf ein.

Setze dir Ziele

…und zwar im stoischen Sinne (s. Artikel über Kontrolle): Inwiefern möchtest du heute tugendhafter werden. Falls es sich um Ziele handelt, die du nicht kontrollieren kannst, ergänze sie einfach mit “sofern mich nichts daran hindert”. Damit sind deine Ziele stoischer formuliert und entsprechen wieder der Realität.

Gewohnheit: Selbstbeobachtung

Epiktet soll seinen Studenten geraten haben, dass sie eine Strichliste führen sollen, wie oft sie sich am Tag geärgert haben bzw. ob sie sich geärgert haben. Alternativ auch, an wie vielen Tagen sie sich NICHT geärgert haben. Wie auch immer, das Prinzip ist klar: es eine Art antikes “Quantified Self” (Selbstvermessung) oder das Etablieren von sinnvollen Gewohnheiten.

Setze dir also Ziele, die du messen kannst und die deinem Einfluss unterliegen. Schaffe dir ein Notizbuch an oder eine entsprechende App (sog. Habit-Tracker), wie bspw. coach.me, und protokolliere deine Fortschritte.

Es lohnt sich auch, Gefühle oder Gedanken, die dich sehr belasten, aufzuschreiben und während der Abend-Reflexion zu bearbeiten. Das hat viele Vorteile, die in den Kapiteln des Stoic Week Handbuchs “Stoic Week: Deine tägliche Routine” und “Das stoische Selbstbeobachtungs-Tagebuch” beschrieben sind.

Alles zusammen

Wenn man diese drei Elemente nun vereint, ergibt sich der folgende Ablauf, der eine stetige Feedback- und Lern-Schleife darstellt:

Morgens: Visualisiere deinen Tag: Was wird passieren, welche besonderen Herausforderungen warten auf dich und wie wirst du darauf reagieren. Was möchtest du heute besser machen, was gestern nicht so geklappt hat?

Tagsüber: Selbstbeobachtung: Wie steht es um deine Ziele (Tugenden, Entwicklung des Charakters), welche Gefühle betrachtest du später genauer (Selbstbeobachtungs-Tagebuch)?

Abends: Reflektiere über deinen Tag. Was war gut, wo hast du versagt und was kannst du morgen besser machen?

Senecas Tipp, dass man keine Angst haben solle über seine Fehler nachzudenken, könnte stoischer nicht sein:

Gib Acht, dass du das nicht wieder tust; für dieses Mal sei es dir verziehen” (Seneca, Über den Zorn, 3.36)

Denn die Vergangenheit können wir nicht ändern, also brauchen wir uns um sie nicht zu sorgen.
Wir können lediglich daraus lernen und uns jetzt für morgen vorbereiten.

Infografik zum Teilen

Stoische Produktivitäts-Routine