Dies ist der Praxis-Teil zur Erkenntnistheorie der Stoiker. Den Theorie-Teil findest du hier.

Meinung und Urteile beeinflussen unsere Gelassenheit

Bei unserer Wahrnehmung sollten wir davon ausgehen, dass es sich überwiegend um Meinung statt um Wahrheit handelt. Unsere Weltsicht scheint von Gefühlen, Trieben, Erwartungen und Vorurteilen geprägt zu sein, wir nehmen also nur eine getrübte Wahrheit wahr. Wir bilden uns dann ein (Vor-)Urteil von den Dingen, Umständen und Menschen, das der Wahrheit nicht gerecht wird. Wer das einmal “in sich selbst” erlebt hat, versteht auch, was Epiktet mit diesem Zitat meint:

epiktet-dinge-meinung

Praktische Erkenntnis mit Marcus Aurelius

In Selbstbetrachtungen 3, 11 gibt uns Marcus ein Bild einer Anwendung der stoischen Logik:

Zu den hier ausgesprochenen Lebensregeln muß noch eine hinzugefügt werden: von jedem Gegenstande des Gedankenkreises bilde dir einen genauen, bestimmten Begriff, so daß du denselben nach seiner wirklichen Beschaffenheit unverhüllt, ganz und nach allen seinen Bestandteilen anschaulich zu erkennen und ihn selbst sowohl, als auch die einzelnen Merkmale, aus denen er zusammengesetzt ist und in die er wieder aufgelöst wird, mit ihren richtigen Namen zu bezeichnen vermagst.
(Woraus besteht die Wahrnehmung wirklich?)
Nichts ist geeigneter, uns erhaben über alles Irdische zu machen, als die Fähigkeit, jeden Gegenstand, der uns im Leben aufstößt, richtig und vernunftgemäß zu untersuchen und ihn stets auf solche Art zu betrachten, daß es uns zugleich klar wird, in welchem Zusammenhange er stehe, welchen Nutzen er gewähre, welchen Wert er für das Ganze, welchen für den einzelnen Menschen habe, als Bürger jenes höchsten Staates, worin die übrigen Staaten gleichsam nur wie Häuser anzusehen sind.
(Wie wichtig also die Logik ist und welche Bedeutung er für die Menschheit hat (beachtenswert ist hier auch wieder der “Perspektiven-Zoom” Marcus’, mit dessen Hilfe er die Dinge einzuordnen versucht und emotionalen Abstand gewinnt))
Sprich: Was ist das, was jetzt diese Vorstellung in mir erregt?
Aus welchen Teilen ist es zusammengesetzt?
Wie lange kann es seiner Natur nach bestehen?
Welche Tugend muß ich ihm gegenüber geltend machen?
Etwa Sanftmut? Sündhaftigkeit? Wahrheitsliebe? Vertrauen? Einfalt oder Selbstgenügsamkeit usw.?
(Vorgehensweise)
Bei jedem Ereignisse muß man sich sagen: Dies kommt von Gott, dies von der durchs Schicksal gefügten Verkettung der Dinge und auch von einem zufälligen Zusammenflusse von Umständen, dies endlich rührt von einem Genossen unseres Stammes, Geschlechtes, von einem Freunde her, der jedoch nicht weiß, was für ihn naturgemäß ist.
(Es ist das Schicksal, das er anerkennt. Darüber hinaus akzeptiert er die Lasterhaftigkeit des Menschen, der sein Freund ist (so sind Stoiker 🙂 ))
Aber mir ist das nicht unbekannt. Daher behandle ich ihn, wie es das natürliche Gesetz der Gemeinschaft verlangt, wohlwollend und gerecht.
(Da er um die Lasterhaftigkeit weiß, behandlet er seinen Freund wohlwollend und gerecht)
Nicht weniger lasse ich es mir angelegen sein, selbst in gleichgültigen Dingen jeden Gegenstand nach seinem wahren Werte zu schätzen.
(Auch unterzieht Marcus die gleichgültigen Dingen auch dieser Prüfung, dieser Wertschätzung)

Checkliste für die stoische Erkenntnis

Stoische Erkenntnistheorie

Wie Marcus Aurelius die Welt “zerlegt”

In seinen Selbstbetrachtungen gibt es immer wieder Stellen, in denen er die Erscheinungen bis aufs Atom zerlegt, manchmal auch nur bis aufs Fleisch.

Was ich auch immer sein mag, es ist doch nur ein wenig Fleisch, ein schwacher Lebenshauch und die leitende Vernunft. Laß die Bücher, die Zerstreuung, es fehlt dir die Zeit.
Betrachte dich als einen, der im Begriff ist zu sterben, verachte dieses Fleisch: Blut, Knochen, ein zerbrechliches Gewebe, aus Nerven, Puls- und Blutadern zusammengeflochten.
Betrachte diesen Lebenshauch selbst; was ist er? Nur Wind, und nicht einmal immer derselbe, sondern jeden Augenblick ausgeatmet und wieder eingeatmet.
– Selbstbetrachtungen, II, 2

Besonders interessant ist diese Stelle:

Gleichwie man bei Fleischgerichten und anderen Eßwaren der Art denken soll:
das ist also der Leichnam eines Fisches, das der Leichnam eines Vogels oder eines Schweines und hinwiederum beim Falernerwein: er ist nichts als der ausgedrückte Saft einer Traube;
oder beim Purpur: er ist nur Schafswolle, in das Blut einer Schnecke getaucht;
und beim geschlechtlichen Umgang: er ist die Reibung eines Eingeweides und Ausscheidung von Schleim mit Zuckungen verbunden;
solche Vorstellungen sind nämlich den Gegenständen wirklich ganz entsprechend und durchdringen ihr Wesen, so daß man sieht, was eigentlich an ihnen sei:
ebenso nun muß man’s im ganzen Leben machen, und wo einem Dinge in noch so beifallswürdiger Gestalt vorgespiegelt werden, sie entlarven, ihren Unwert sich anschaulich machen und ihnen die schimmernde Einkleidung, womit sie sich brüsten, nehmen.
Denn der Schein ist ein furchtbarer Betrüger, und gerade wenn man glaubt, sich mit den allerbedeutendsten Dingen zu beschäftigen, bezaubert er am meisten.
– Selbstbetrachtungen, VI, 13

 

Wache auf und komm wieder zu dir selbst! Und wie du beim Wiedererwachen erkannt hast, daß es nur Träume waren, die dich beunruhigten, so sieh auch im wachenden Zustande die Unannehmlichkeiten als Träume an.
– Selbstbetrachtungen, VI, 31

 

Denke an den Ursprung jedes Dinges, aus welchen Stoffen es besteht, in welche Form es sich umwandelt, was es nach seiner Verwandlung sein wird und daß ihm durch diese Veränderung kein Übel widerfährt.
– Selbstbetrachtungen, XI, 17

Weitere stoische Zitate zum Thema

Nicht den Tod fürchten wir, sondern die Vorstellung des Todes
– Seneca, Briefe an Lucillius IV

 

Was die Wahrnehmung zeigt, das glaubt der Geist.
– Seneca, Briefe an Lucilius XIX

Quellen