Es gibt mindestens zwei Arten, auf denen man Stoizismus betreiben kann: als Quelle für inspirierende Zitate und antike Selbsthilfe-Tool-Sammlung oder als eine Art innerer Weg der Tugendhaftigkeit oder Lebenseinstellung. Es gibt auch mindestens zwei Arten, auf denen man Bogenschießen kann: aus Spaß an der Freude oder als innerer Weg der Tugendhaftigkeit.

Jeweils beide Arten haben ihre Berechtigung und keine Art ist besser oder schlechter. Sie dienen nur einen unterschiedlichen Zweck. In diesem Beitrag möchte ich auf den jeweils letztgenannten Zweck eingehen: auf den inneren Weg der Tugenden.

Was unterscheidet den Zen-Bogenschützen vom Bogenschützen?

Der Bogenschütze richtet seine Aufmerksamkeit darauf, möglichst in die Mitte des Ziels zu treffen. Die Ausführung des Schusses dient allein dem genauen Treffen. Technische Mängel werden erst später korrigiert, wenn überhaupt. Es geht von außen nach innen. Der beste Schütze ist der, der am Ende die meisten Punkte hat. Das ist typischer Wettkampf mit anderen: man misst sich (im Außen) mit anderen. Andere sind die Messlatte für den eigenen Erfolg und Quell für Freud und Leid.

Der Zen-Bogenschütze richtet seine Aufmerksamkeit auf eine korrekte, gewissenhafte und verinnerlichte Vorgehensweise. Bewusstheit, Disziplin, Wertschätzung und Vorbereitung nehmen grundsätzlich einen größeren Raum ein. Das Ergebnis, ob er trifft oder nicht, ist ihm gleich. Es geht von innen nach außen. Die Messlatte ist nicht im Außen zu finden. Ein Zen-Bogentrainer gibt Hinweise, deren Umsetzung der Schüler (und man ist lange Schüler) perfektionieren darf. Es ist eine innere Haltung, ein Verinnerlichen von Abläufen.

Wie gesagt: beide Varianten haben ihre Berechtigung.

Das Prozedere eines Zen-Bogenschützen verdeutlicht dieses Video sehr schön. Erkennt ihr, was er getroffen hat?

Emilio Gravagno Zen Archery Demonstration.m2ts

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Was hat die Philosophie der Stoa damit zu tun?

An dieser Stelle kann Cicero (De finibus, Buch 3, §22) uns weiterhelfen:

Wir nennen dasjenige das höchste der Güter, wie wenn Jemand sich zur Aufgabe setzt, mit einem Speere oder einem Pfeile wohin zu treffen; ebenso verlegen wir das Endziel in das Gute. So wie Jener, um bei diesem Gleichnisse zu bleiben, Alles thun muss, um das Ziel zu treffen, so bleibt doch, wenn er auch Alles thun muss, um dies zu erreichen, dieses Zielen das Höchste. Dasselbe gilt für das, was wir als das höchste Gut für das Leben erklären; man hat danach zu zielen, aber das Treffen ist nur zu wählen, nicht zu begehren.

Aus diesem Gleichnis wird deutlich, dass es dem Stoiker nicht um das Treffen geht; es geht ihm um das Zielen. Alles, was in seiner Macht steht, ist Zielen. Sobald er den Pfeil abgeschossen hat, ist dieser außerhalb seiner Kontrolle; er hat keine Macht mehr über ihn. Der Pfeil ist nun Wind und Wetter wahllos ausgeliefert. Außerdem kann jemand die Zielscheibe verstecken oder umkippen oder etwas in die Flugbahn werfen. Die stoische Einstellung ist dann, sich dem Schicksal zu fügen und zu wissen, dass er sein Bestes gegeben hat. Daher heben viele Philosophien Tugendhaftigkeit so hervor und lehren, wie man tugendhafter wird.

Das Treffen ist nur zu wählen, nicht zu begehren

Zum Abschluss dieses Gedankens noch ein weiteres Video, das das oben angedeutete Bild verwendet:

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Buchtipp: Zen in der Kunst des Bogenschießens von Eugen Herigel