Dass die Stoiker in ihren Werken Vorstellungs- und Visualisierungsübungen oder gar Meditationen beschreiben, fällt gerne auf den ersten Blick nicht auf. Besonders Pierre Hadot hat auf diesem Gebiet viel erforscht und publiziert.

Diese Übungen sind Teil der Disziplin der stoischen Physik; es geht um Begierden, Wünsche und Abneigungen.
Ziel der Übungen ist es, sich zu vergegenwärtigen, was tatsächlich von Wert ist, was in unserer Kontrolle liegt bzw. dass das, was mich gerade aufregt, eigentlich nichts ist, worüber es sich aufzuregen lohnt.
Epiktet meinte dazu:

„Wofern du nun Dinge, die von Natur völlig abhängig sind, für frei, und Fremdes für Eigenthum ansiehst, so vergiß nicht, daß du auf Hindernisse stoßen, in Trauer und Unruhe gerathen, und Götter und Menschen anklagen wirst.“

Und das Ergebnis der Praktiken kann diese Erkenntnis sein:

„Wenn du aber nur, was wirklich dein ist, als dein Eigenthum betrachtest, das Fremde aber so, wie es ist, als Fremdes, so wird dir niemand je Zwang anthun, niemand wird dich hindern; du wirst keinen schelten, keinen anklagen, wirst nichts thun wider Willen, niemand wird dich kränken, du wirst keinen Feind haben, kurz: du wirst keinerlei Schaden leiden.“
Epiktet

Wende diese Übungen also dann an, wenn dich die Außendinge aufregen – wie beispielsweise Menschen, Maschinen, Computer, Smartphones, Kleidung, dein Kontostand oder dein Körper.

Übung 1: Zerlege das Objekt

Diese Praktik beschreibt Marcus Aurelius sehr oft, beispielsweise in 3.11

„Von jedem Gegenstande des Gedankenkreises bilde dir einen genauen, bestimmten Begriff, so daß du denselben nach seiner wirklichen Beschaffenheit unverhüllt, ganz und nach allen seinen Bestandteilen anschaulich zu erkennen und ihn selbst sowohl, als auch die einzelnen Merkmale, aus denen er zusammengesetzt ist und in die er wieder aufgelöst wird, mit ihren richtigen Namen zu bezeichnen vermagst.“

Schaue Dir an, woraus das Objekt besteht. Wie wurde es erschaffen, wofür ist es da und wohin wird es gehen? Viele Sachen in unserer Welt sind künstlich erschaffen: Smartphones, Computer, Kleidung, etc.

Epiktet bringt es im Handbüchlein der Moral Absatz 3 auf den Punkt:

Bei allem, was deine Seele verlockt oder dir einen Nutzen gewährt oder was du lieb hast, denke daran, dir immer wieder zu sagen, was es eigentlich ist. Fang dabei mit den unscheinbarsten Dingen an. Wenn du einen Krug liebst, so sage dir: »Es ist ein Krug, den ich liebe.« Dann wirst du nämlich nicht deine Fassung verlieren, wenn er zerbricht. Wenn du dein Kind oder deine Frau küßt, so sage dir: »Es ist ein Mensch, den du küßt.« Dann wirst du nämlich nicht die Fassung verlieren, wenn er stirbt.

Auch im Artikel über die angewandte Wahrnehmung habe ich diese Praktik angerissen.

Diese Übung hilft, die „Anhaftung“ an Außendinge aufzulösen, also dein Glück nicht von einem künstlichen Konstrukt abhängig zu machen und dich auf das zu besinnen, was in deiner Macht liegt.

Übung 2: Erkenne den Wandel, die Veränderlichkeit der Dinge

Lerne die Art der Verwandlung aller Dinge ineinander wissenschaftlich untersuchen, sei hierauf beständig aufmerksam und übe dich stets in dergleichen Betrachtungen.
[…]
denn mit den zwei Punkten, nämlich das Rechte zu tun, was er jetzt zu tun hat, und in Liebe hinzunehmen, was ihm jetzt zugeteilt wird, zufrieden, läßt er alle anderen Geschäfte und Bestrebungen fahren und will nichts weiter als auf dem Pfade des Gesetzes in gerader Richtung zum Ziele schreiten und also der Gottheit folgen, die gleichfalls in gerader Richtung ihr Ziel verfolgt.
Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen, 10.11

Nichts ist für die Ewigkeit. Irgendwie wissen wir das und wenden dieses Wissen im Leben doch nicht an. Wir klammern uns an Dinge oder Menschen und hängen unser Glück an deren Existenz.

Sobald wir uns aber immer wieder klar machen, dass die Menschen und Dinge nicht für die Ewigkeit existieren und deswegen nicht selbstverständlich sind, können wir sie mehr wertschätzen.

Die Sätze der Stoiker klingen meist recht barsch, zeigen dadurch aber ganz genau auf die zu Unglücklichkeit führenden und ignorierten Aspekte des Lebens. Wie zum Beispiel Marcus Aurelius:

Jedes Sinnenwesen, das du betrachtest, stelle dir als schon in Auflösung, Verwandlung, gleichsam Verwesung oder Zerstreuung begriffen vor; bedenke, daß jedes Ding nur geboren ist, um zu sterben.
Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen, 10.18

 

Übung 3: Sicht von Oben

Schön ist der Ausspruch: Wer über die Menschen reden will, der muß, wie von einem höheren Standpunkte aus, auch ihre irdischen Verhältnisse ins Auge fassen, ihre Versammlungen, Kriegszüge, Feldarbeiten, Heiraten, Friedensschlüsse, Geburten, Todesfälle, lärmende Gerichtsverhandlungen, verödete Ländereien, die mancherlei fremden Völkerschaften, ihre Feste, Totenklagen, Jahrmärkte, diesen Mischmasch und diese Zusammensetzung aus den fremdartigsten Bestandteilen.
Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen, 7.48

Diese stoische Praktik ist der Blick auf das Geschehen von oben herab, also mit Abstand und Objektivität, sodass man selbst nicht mehr Teil der Situation ist (Dissoziation).
Politische Grenzen verschwimmen, Kriegsgeschehen sieht aus wie ein Ameisenhaufen und das bunte Treiben bekommt weniger Gewicht.
Diese Übung lässt uns unsere persönlichen und iridschen Probleme aus einer kosmischen Sicht als „klein“ erkennen. Die emotionale Ladung, der Ballast fällt bei dieser Übung ab.

Ziel dieser Übung ist es nicht, die Einstellung zu gewinnen, dass alle Probleme aus kosmischer Sicht egal sind, dass wir einfach weiterhin Kriege führen und die Natur zerstören sollten. Vielmehr ordnet sie unser Verständnis von gut und schlecht neu, da wir die Möglichkeit haben, die Einzigartigkeit in jedem Moment zu erkennen:

Bedenke unter anderem, daß wir nur die gegenwärtige Zeit leben, die ein unmerklicher Augenblick ist; die übrige Zeit ist entweder schon verlebt oder ungewiß. Unser Leben ist also etwas Unbedeutendes, unbedeutend auch der Erdenwinkel, wo wir leben, unbedeutend endlich der Nachruhm, selbst der dauerndste, er pflanzt sich fort durch eine Reihe schnell dahinsterbender Menschenkinder, die nicht einmal sich selbst kennen, geschweige denn jemanden, der längst vor ihnen gestorben ist, kennen sollten.
Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen, 3.10

Eine schöne „Visualisierung“, wie ich finde, für die „Winzigkeit aus großer Entfernung“ und die „Größe im Kleinen“ ist das Video „Powers of Ten“.

Powers of Ten™ (1977)

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Ist das nicht eine geniale Welt, in der wir leben?

Dieser Artikel wurde inspiriert von Stoic Spiritual Exercises von Elen Buzaré.