Marcus Tullius Cicero, Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosoph, haben wir eine spannende Überlieferung einer Gedächtnistechnik zu verdanken. In „De Oratore“ beschreibt er eine Methode, die heute als Loci-Methode bekannt ist.

Früher musste man noch auswendig lernen…

… denn die Bücher noch nicht gedruckt wurden und demnach selten und teuer waren. Dieser Umstand führte auch dazu, dass sich die Menschen in der Antike wesentlich mehr und besser merken konnten, als wir es heute können. Heute nimmt die Gedächtnisleistung aufgrund der zahllosen Möglichkeiten auf Wissen zuzugreifen noch schneller ab. In gewisser Weise mag das problematisch sein. Ein gewisser Wissensgrundstock (Faktenwissen sowie Handlungswissen) sollte jedem zur Verfügung stehen, um damit das tägliche Leben und das Leben in der Gesellschaft gut führen zu können. Aus eigener Erfahrung merke ich, dass ich eine Form von „Überblickswissen“ bekomme, sodass ich bspw. weiß, in welchem Buch ich mal etwas gelesen habe bzw. dass es „etwas“ überhaupt gibt. Auch dieser Blog dient in gewisser Weise dem Lernen. Durch die Auseinandersetzung mit den Themen, die Aufbereitung und Kommunikation bleibt viel mehr im Kopf, als wenn ich es nur gelesen hätte.

Erfindung der Mnemotechnik

Cicero schreibt in seinem Buch „De Oratore“ (Über den Redner), dass man sein Gedächtnis durch wörtliches Auswendiglernen trainieren solle.

„Und bei dieser Übung missfällt es mir eben nicht, wenn man sich daran gewöhnt hat, auch das in der Gedächtniskunst gelehrte Verfahren anzuwenden, seine Gedanken an gewisse Orte und Bilder zu knüpfen.“

Natürlich reicht das noch nicht als Erläuterung für eine Mnemo- oder Gedächtnistechnik.

Im zweiten Buch erzählt Cicero die folgende Geschichte.

Simonides aus Keos, ein berühmter lyrischer und elegischer Dichter, habe einst bei Skopos, einem edlen Mann, ein Gedicht vorgetragen. Er habe in diesem Gedicht Pollux und Kastor wohl so sehr hervorgehoben, dass Skopos ihm nur die Hälfte des Lohnes für das Vortragen zahlen wollte. Die andere Hälfte solle er sich von Pollux und Kastor holen, die er eben so sehr gelobt habe.

Kurze Zeit später sollte Simonides vor die Türe kommen, da zwei junge Männer etwas von ihm wollten. Simonides ging vor die Tür, sah aber niemanden. In der Zwischenzeit stürzte die Zimmerdecke des Zimmers zusammen, in dem Skopos und seine Freunde saßen. Die Opfer wurden teilweise so zerstört, dass selbst die Angehörigen sie nicht identifizieren konnten. Doch Simonides hat sich die Personen anhand ihres Sitzplatzes gemerkt und konnte den Angehörigen Auskunft erteilen.

Dieser Vorfall brachte Simonides zu der Erkenntnis, dass das Gedächtnis eine besondere Ordnung benötige, um sich Dinge gut merken zu können.

Das war die Geschichte von der Erfindung der Loci-Methode.

 

Loci-Methode

Loci kommt aus dem Lateinischen: Locus (Ort, Platz, (Merke: stilles Örtchen 😉 ))

Bei dieser Mnemotechnik geht es darum, sich eine Abfolge von Bildern im Gedächtnis zu merken. Man legt Bilder auf markante Punkte eines Weges oder Bildes und soll sich diese damit besser merken können. Cicero schreibt dazu:

Es müßten daher die, die dieses Geistesvermögen üben wollten, gewisse Plätze auswählen, das, was man im Gedächtnis behalten wollte, sich unter einem Bild vorstellen und in diese Plätze einreihen. So würde die Ordnung der Plätze die Ordnung der Sachen bewahren; die Sachen selbst aber würden durch Bilder bezeichnet, und so könnten wir uns der Plätze statt der Wachstafeln und der Bilder statt der Buchstaben bedienen.

Beispiel für die Loci-Methode

Ein einfaches Beispiel ist das folgende Bild. In einem Raum sind an markanten Punkten die Bilder und Namen von frühen und mittleren Stoikern aufgehängt.

Damit die Methode besser funktioniert, sollten die Bilder vielleicht noch markanter sein. Und am besten ist es, wenn man selbst so eine Grafik erstellt hat…denn was man tut, das merkt man sich noch besser; in diesem Fall musste ich mich mit der Reihenfolge und den Namen der Philosophen auseinandersetzen.

Abwandlungen und Erweiterungen der Loci-Methode

Es gibt Abwandlungen und Erweiterungen der Loci-Methode unter den Gedächtnisakrobaten. Varianten ergeben sich schon aus der Verwendung von unterschiedlichen Orten. Beispielsweise

  • Wohnungen
  • Häuser
  • Geschäfte
  • Straßenzüge
  • öffentliche Plätze
  • Computer-Spiel-Welten
  • die Natur
  • der eigene Körper

Lange Zahlen im Gedächtnis behalten

Häufig wird diese Methode auch zum Zahlen Merken genutzt. Sicherlich kennst Du die Methode, sich Zahlen als Bilder vorzustellen, zum Beispiel ist ein Ei die 0 und ein Zweirad die 2. Wenn Du Dir nun eine lange Zahl in Gedächtnis einprägen möchtest, kannst Du auch einfach die Bilder, als Stellvertreter für die Zahlen, in ein Loci-Bild „einkleben“.

Ich selbst merke mir lange Zahlen besser, wenn ich einen Anfang habe und dann kommt der Rest aufgrund der Art und Weise des Klanges und des Rhythmus der Zahlen.

Der Gedächtnispalast

Der Gedächtnispalast, dem ein oder anderen vielleicht auch aus einer Fernseh-Serie bekannt, ist die Loci-Methode, nur ausgereizt (oder auf Steroiden, wie man sagen würde). Im Gedächtnispalast gibt es unzählige Räume zu unzähligen Themen, die entsprechend der Loci-Methode eingeräumt sein können. Da es ein Gedankenpalast ist, ist der Palast auch entsprechend individuell erweiter- und veränderbar.

Im Internet gibt es viele gute Tipps zu diesem Thema.

Fazit

Gedächtnistechniken waren damals wie heute bekannt. Damals musste man sich noch viel mehr im Gedächtnis behalten als heute.

Wie könntest Du diese Technik für Dein eigenes Lernen und Leben nutzen?

Quellen: