Immer wieder präsentiert sich die Philosophie der Stoa als eine lebenspraktische. So wird auch die Antwort auf die Frage, ob Gewöhnung oder Theorie wirksamer sei zum Erwerb der Tugend, häufig diskutiert.

Musonius liefert in der Diatribe „Ob Gewöhnung oder Belehrung stärker ist“ unter anderem das folgende Beispiel:

Welchem Musiker würdest Du auf einer Veranstaltung spielen lassen: Den, der die Theorie beherrscht, aber weder Kithara spielen noch singen kann, oder den, der keine oder wenig Theorie beherrscht, dafür aber schön singen und Kithara spielen kann?

Diese Beispiele verdeutlichen auch den praktischen Aspekt, auf den die Stoiker so gerne anspielen. Die stoische Philosophie versteht sich als Kunst; Theorie ist wichtig, aber das Tun, das Anwenden der Ideen im Alltag ist das, was die Kunst ausmacht.

Daher kann ich hier auch so viel schreiben, wie ich möchte, ich darf es umsetzen. Ich schreibe hier, um selbst zu lernen, darüber zu sprechen und andere zu inspirieren. 

Aber an Wirkungskraft ist die Gewöhnung der Theorie überlegen, weil sie entscheidender auf den Menschen einwirkt, die Tugenden zu verwirklichen, als die bloße Belehrung.
– Gaius Musonius Rufus, 5. Diatribe