Eine erste und eine vielleicht moderne Interpretation dieses Zitats könnte sein, dass man sein Leben lebt und nicht das der anderen. Dass man selbst und bewusst lebt, statt sich bewusstlos treiben zu lassen.

Seneca geht es in seinem Buch „Von der Gelassenheit/Seelenruhe“ an dieser Stelle (Absatz 2.5) darum, dass ein Mensch gerade in schwierigen Situationen seinen Grundsätzen treu bleiben sollte (sie also nicht gegen andere, vermeintlich wertvollere Werte eintauscht) und auch keinen Schaden durch seine Grundsätze (Werte, Tugenden, Glaubenssätze)  nimmt – also in irgendeiner Form zu sehr beunruhigt oder verängstigt wird – sprich in Affekte oder Leidenschaften verfällt.

Es geht ihm auch darum hinzuweisen, dass gerade in guten/leichten Zeiten die Laster und Versuchungen schnell im Leben erscheinen und uns ablenken wollen.

Unabhängig von der Situation achtet der Philosoph der Stoa in jeder Situation darauf, sich nicht treiben zu lassen und ein bewusstes, nach philosophischen Grundsätzen ausgerichtetes Leben zu führen. 

Ein Rückfall in diese Unbewusstheit/Unfreiheit käme für ihn dem Tod gleich, daher zitiert er:

Das schlimmste Übel ist, aus dem Kreis der Lebenden zu scheiden, ehe man stirbt.
– Seneca, Von der Gelassenheit