In diesem Artikel möchte ich zusammen mit Seneca das Thema der stoischen Freude und Komfortzone näher beleuchten. Zuerst zerstöre ich die allgemeine Ansicht über Freude, damit ich am Ende die Möglichkeit habe, wahre Freude zu erkennen.

Mir geht es gut, weil…

Mir geht es gut, weil ich

  • was zu essen habe
  • mir warm ist
  • ich genügend Geld habe
  • Ich gesund bin
  • Ich ein Smartphone habe
  • Ich WLAN habe
  • Ich tolle Klamotten habe
  • Ich geschminkt bin
  • Ich einen AUDI fahre

Das scheint ein gängiges Bild zu sein: mir geht es gut, wenn ich etwas Erstrebenswertes, Tolles oder Luxuriöses habe oder es mir an nichts Wesentlichem mangelt (s. Maslowsche Bedürfnishierarchie).

Nun haben die Stoiker erkannt, dass es einem nicht gut geht, wenn diese “Dinge” nicht erfüllt sind. Diese Dinge liegen gänzlich außerhalb meiner Kontrolle und Macht und diese Dinge sind nur “bevorzugt gleichgültig”. Wie Seneca in Brief 23 schreibt:

Das, woran sich die Volksmenge ergötzt, verursacht ein seichtes und oberflächliches Vergnügen, und jeder Freude, die von außen kommt, mangelt es an fester Grundlage. Diese Freude hingegen, von der ich rede und zu der ich Dich hinzuführen suche, ist beständig und solcherart, dass sie sich mehr im Innern offenbart.

Was passiert nun, wenn

  • Ich wenig oder gar nichts zu essen habe
  • Mir kalt ist
  • Ich arm bin
  • Ich krank bin
  • Ich nur ein altes NOKIA habe
  • Keinen WLAN Empfang habe
  • Ich keine tollen Klamotten habe
  • Meine Schminke leer ist
  • Ich einen alten Civic fahre

Dann geht es mir schlecht, ich jammere und bin schlecht gelaunt. Es gibt natürlich Umstände oder Zustände, in denen man einfach schlecht drauf ist oder nicht anders kann – zum Beispiel bei organischen Problemen, schweren Schmerzen oder anderen, auch bewusstseinsbeeinflussenden Umständen.

Doch meistens ist unser Jammern ein Jammern auf höchstem Niveau – und um dieses Jammern bzw. diese “schale Freude” geht es hier.

Wo ist die Freude hin?

Wo ist die Freude nun hin? Vorher war sie außen und nun ist außen nur noch Unangenehmes, Schmerzvolles, Leidiges, eine Form von Mangel – auch oder gerade im Vergleich mit oder zu anderen.

Ich habe keinen direkten Einfluss auf diese Umstände, auf den Mangel von Annehmlichkeiten bzw. die Anwesenheit von Unannehmlichkeiten – aber auf meine Reaktion darauf – wobei das an dieser Stelle etwas schwieriger ist, denn die Kälte geht nicht weg und der Hunger bleibt auch, wenn ich meine Einstellung dazu ändere.

Meine Einstellung oder Reaktion ändert nicht die Umstände, ich kann aber Bemühungen anstellen, diese zu ändern (solange die Maßnahmen tugendhaft sind, denn immerhin handelt es sich um bevorzugt gleichgültige Dinge – siehe Tugenden der Stoa).

Der Stoiker fängt also nicht an zu jammern.

Das Problem ist also meine Komfortzone, dass ich mich an gewisse Dinge gewöhnt habe und diese nun als selbstverständlich betrachte. Allerdings ist diese Komfortzone subtiler gegenüber der Komfortzone, über die man gewöhnlich spricht. Sie ist im wahrsten Sinne das, worauf ich mich komfortabel ausruhe, was einfach zu meinem Glück dazu gehört – und damit sind auch elementare Annehmlichkeiten wie Nahrung, Wärme oder ein Dach über dem Kopf gemeint.

(Achtung, ich werfe hier das “Normale” und das, was über das “Normale” hinausgeht, also “Luxus”, in einen Topf, denn beide Formen von Annehmlichkeiten tragen nicht zur stoischen Freude bei, da sie vergänglich sind und nicht in die Beschreibung der stoischen Freude (siehe unten) passen.)

Wahre Freude finden

Seneca schreibt in Brief 23.2:

Den Höhepunkt hat erreicht, wer weiß, woran er sich freuen soll, der sein Glück nicht auf fremde Macht gegründet hat; beunruhigt und seiner selbst nicht sicher ist der, den irgendeine Hoffnung lockt, mag nun ihre Erfüllung naheliegend, mag sie ohne Schwierigkeiten erreichbar sein, mag jenen auch das Erhoffte niemals enttäuscht haben.[..]
Lerne Dich freuen!

Meine Freude sollte laut Seneca unabhängig von Äußerem sein, auch wenn das, was mir Freude verspricht, noch so einfach zu bekommen sei.

Freude, die immer da ist

Im Besitz dieser Freude möchte ich Dich wissen; nie wird sie zur Neige gehen, wenn Du einmal ihre Quelle gefunden hast.

Mit Mäßigung und Selbstdisziplin zu mehr Freude

Viele Stoiker setzen sich daher regelmäßig (!) und freiwillig Unannehmlichkeiten aus.
Gängige Beispiele sind, dass man sich mit wenig Kleidung einen Tag lang ins Freie begibt oder einen Tag lang nichts isst (das ist übrigens gesund und heißt Fasten 😉 ).

Das ist der Bereich der Mäßigung der stoischen Physik.

Daraus resultiert, dass ich das, was ich habe, besser wertzuschätzen weiß und mir keine Gedanken machen brauche, wenn ich es nicht habe, weil ich weiß, dass ich mit der Situation klar komme.

Oder wie Seneca in Brief 18 sagt:

Sorgloser werden wir unseren Reichtum leben, wenn wir wissen, wie wenig beschwerlich es ist, arm zu sein.

Statt Reichtum kann man auch jede andere Qualität setzen, von der man sich und sein Glück abhängig machen kann.

Durch das Training der Selbstdisziplin und die damit verbundene Freude über den Körper “gesiegt” zu haben – denn dieser leistet häufig Widerstand, ist er doch eine intelligente Energiesparmaschine und vermeidet Anstrengung und Schmerz zu Gunsten von “schalen, kurzlebigen Genüssen, die man zu bereuen hat”  – erlangt man eine neue Form der Freiheit.

Der Stoiker übt regelmäßig ausserhalb seiner Komfortzone, um diese zu erweitern. Vielleicht auch mit Hilfe der “Negativen Proaktiven Visualisierung“.

Das Verlangen nach echtem Wert ist gefahrlos

Alle Unannehmlichkeiten beinhalten immer die Chance zu erkennen, was diese innere Freude wirklich ist. Diese innere Freude ist immer da und wird verdeckt von “Äußerlichkeiten”. Man muss dieser Freude nichts hinzufügen, man darf sie “ent-decken” (also das, womit sie bedeckt ist, entfernen)

Wahre Freude kommt durch Tugendhaftigkeit

Was dies sei, fragst Du und wo es herkomme? Ich will es dir sagen: aus einem guten Gewissen, aus ehrbaren Absichten, aus richtigen Handlungen, aus der Nichtbeachtung der Zufälligkeiten, aus dem ruhigen und beständigen Wandel eines Lebens, das ein und denselben Weg beschreitet.

Schaue auf den echten Wert und erfreue Dich an Deinem!

Mit anderen Worten: wahre Freude kommt bei den Stoikern aus der Tugendhaftigkeit – und das gilt es zu erkennen.
(Siehe auch Artikel “So wirst Du tugendhafter” und “Die Tugenden der Stoa“)

Wichtig ist folgende Unterscheidung: das Ziel der Tugendhaftigkeit ist die Tugendhaftigkeit – das Gefühl von Glück oder Freude ist ein Nebeneffekt und nicht das Ziel der Tugendhaftigkeit.

Wertvolle Quellen sind Senecas Briefe 18 und 23.