Sind Stoiker emotionslos? Ist die Stoa eine philosophische Lehre, die Emotionen verleugnet oder unterdrückt? Kurze Antwort: Nein.

Was bedeutet “stoisch”

Was bedeutet “stoisch”? Der Duden sagt zum einen “die Stoa betreffend, den Stoizismus betreffend” oder “unerschütterlich; gleichmütig, gelassen”.  Ein anderes Wörterbuch beschreibt stoisch als “so, dass man nicht leicht die Ruhe verliert oder sich aufregt“. Keine Spur von Emotionslosigkeit.

Doch schauen wir uns an, wie die alten Stoiker mit Emotionen umgegangen sind.

Die attischen  Nächte und der ängstliche Stoiker

Eine aufschlußreiche Geschichte findet sich im Buch “Die attischen Nächte” von Aulus Gellius. Dort wird eine Geschichte von einer Schifffahrt einer Gruppe Menschen erzählt, bei der auch ein Stoiker dabei war. Das Schiff geriet in ein Unwetter und alle an Bord wurden wohl bleich und jammerten. Der Erzähler der Geschichte hatte ein besonderes Augenmerk auf den Stoiker, um zu schauen, wie er reagiere “ich war begierig zu erfahren, in welcher geistigen Verfassung er verharren und ob er gelassen und unerschrocken bleiben würde.

Da sah ich auch diesen Mann zaghaft und schreckensbleich, welcher, obwohl er zwar keine Wehklagen, wie die anderen, noch irgendwie dergleichen Jammerlaute ausstiess, sich aber dennoch durch Entstellung seiner Gesichtsfarbe und seines Aussehens von den anderen nicht viel unterschied.”

Epiktets Unterredungen – das verschollene 5. Buch

Der Erzähler fragte den Stoiker, wieso er so aussehe, obwohl er doch keine Furcht kenne.
Der Stoiker antwortete dem Fragesteller, indem er ihm das fünfte (und mittlerweile verschollene) Buch von Epiktets Unterredungen gab. Darin stand folgendes:

Die sinnlichen Wahrnehmungen, welche die Philosophen Erscheinungen oder Eindrücke nennen, wodurch die menschliche Seele gleich beim ersten Erscheinen des an die Empfindung herantretenden Eindrucks berührt wird, hängen nicht von unserem freien Willen ab und stehen nicht in unserer Willkür, sondern drängen sich mit der ihnen innewohnenden Kraft und Gewalt den Menschen als wahrnehmbar auf.

Allein die erst durch unser Nachdenken und unsere Überlegung zu Gewinnenden Äusserungen unserer Billigung, Zustimnung unseres Beifalls, welche man subjektive Überzeugungen nennt, wodurch sich eben diese Eindrücke als gut, oder verwerflich erkennen und beurtheilen lassen, hängen ganz allein von dem freien menschlichen Willen ab und erfolgen nur nach der Menschheit Belieben.

Wenn also unvorhergesehen ein furchtbarer Knall entweder vom Himmel, oder von einem Einsturz erfolgte, oder plötzlich eine Nachricht von irgend welchem Unglück eintraf, oder irgend etwas (anderes) derartiges (Unangenehmes) sich ereignete, so kann es wohl durchaus nicht ausbleiben, dass auch der Weise in seiner Seele erschüttert wird, dass er zusammenschreckt und erblasst, nicht in dem vorgefassten Glauben an irgend ein vorhandenes Übel, sondern allein durch die plötzlichen und unerwarteten äusseren Eindrücke, die den vollen Gebrauch seines Verstandes und seiner Vernunft zuvor einnehmen und verhindern.

Bald jedoch wenn der erste überraschende Einfluss überwunden ist wird der Weise dergleichen Eindrücke, d. h. solche schreckenerregende, sinnliche Wahrnehmungen nicht anerkennen (sie ihres Einflusses berauben, sie verachten und verlachen), er wird nach dem Ausdruck der Philosophen den Eindrücken seine Zustimmung versagen und ihrer Meinungsbeeinflussung nicht beitreten, sondern sie verwerfen und von der Hand weisen und er wird sich (nachträglich) überzeugt halten, dass für ihn dabei nichts zu fürchten sei.

(Abgetippt aus https://archive.org/details/dieattischennch00weisgoog, XIX. Buch, 1. Cap.)

Résumé: Stoiker sind alles andere – nur nicht emotionslos

(Der im Folgenden genannte Stoiker ist der “stoische Weise”, das stoische Ideal)
Aus dieser genialen Geschichte geht hervor, dass der Stoiker nicht emotionslos ist – im Gegenteil, erkennt seine Emotionen bzw. seine Wahrnehmung an und ordnet sie in seine Philosophie ein. Und da es für Stoiker kein Übel außer der Lasterhaftigkeit gibt, hat er auch nichts zu fürchten (das ist die Kurzfassung). Die o.g. Emotionen sind die sogenannten “Proto-Passionen” (propatheia).

Stoiker lassen sich nicht von ihren Emotionen treiben oder baden in ihnen oder liefern sich ihnen aus. Sie stimmen dem Eindruck (der Emotion, dem Gefühl, in diesem Fall) nicht zu (Logik/Zustimmung) und erkennen, dass dieser vielleicht nicht frei von Täuschungen ist (mehr zum Thema stoische Wahrnehmung).

Der Stoiker lässt sich vor allem nicht durch irrationale Emotionen (pathos), wie bspw. bestimmte Ängste, Freuden oder Wünsche, beeinflussen – obwohl er sie vielleicht spürt.

Philanthropie und Leben im Einklang mit der Natur (stoische Tugenden) wären auch nicht ohne Gefühle oder Emotionen möglich.

Es gibt für den Stoiker das Gefühl oder den Zustand der Eudaimonie (ein Ergebnis der Tugendhaftigkeit, nicht das Ziel), das sich von der “üblichen Freude” dadurch unterscheidet, dass sie frei von Affekten (pathos) ist (apatheia).

Das Verständnis und vor allem die Erkenntnisse daraus ergeben sich im Laufe des Studiums der stoischen  Philosophie.

Update:

Diogenes Laertios schreibt in Leben und Lehre der Philosophen 7.117 über die stoischen Emotionen:

Sie lehren, der Weise sei ohne Affekte, weil er dagegen immun ist.
Ohne Affekte sei aber auch der Schlechte, wenn er sich gleichermaßen durch Härte und Unempfindlichkeit auszeichnet.

Immunität ist etwas anders, als abgestumpft. Das ist eine kleine, aber feine Unterscheidung.

Natürlich gibt es von Marcus Aurelius noch einen Hinweis zum Thema Emotionen und Leidenschaften (was er von seinem Vorbild Sextus gelernt oder an ihm bewundert hat):

Man bemerkte niemals das geringste Zeichen des Zornes oder irgendeiner andern Leidenschaft an ihm, aber bei aller Leidenschaftslosigkeit war er der liebreichste Mensch.
– Selbstbetrachtungen I.9

Das sind die eupatheia – die guten Emotionen.

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