Kann mir jemand überzeugend dartun, daß ich nicht richtig urteile oder verfahre, so will ich’s mit Freuden anders machen.
Suche ich ja nur die Wahrheit, sie, von der niemand je Schaden erlitten hat. Wohl aber erleidet derjenige Schaden, der auf seinem Irrtum und auf seiner Unwissenheit beharrt.

Mit diesen Worten beschreibt Marcus Aurelius in seinen Selbstbetrachtungen 6.21 sein Mindset im Umgang mit Fehlern auf dem Weg der Suche nach der Wahrheit.

Auf der Suche nach der Wahrheit

Was ist die Wahrheit im stoische Sinne? Das führt zu weit hier bzw. eine Antwort auf diese Frage habe ich im Artikel über die stoische Erkenntnistheorie bereits dargestellt. Der stoische Weise erkennt einen wahren Sinneseindruck, wenn er frei von Trübungen und Täuschungen durch Triebe, Gefühle und Meinungen ist.

Das könnte dann bedeuten, dass die Suche nach der Wahrheit auch gleichzeitig die Suche nach getrübten und täuschenden Sinneseindrücken ist bzw. die Übung darin, ungetrübt und täuschungsfrei wahrzunehmen.

Auf den Umstand, dass das nicht einfach ist, gehe ich im letzten Absatz ein.

 Auf der Unwahrheit zu beharren ist schädlich

Warum? Auf Unwahrheit und Irrtum basierende Urteile sind nicht frei von Täuschungen. Sämtliche weiteren, darauf aufbauenden Urteile und Handlungen können demnach auch nicht frei von den Effekten dieses Irrtums sein.

Was soll schon rauskommen, wenn etwas auf der Unwahrheit beruht?

Fehler passieren und sind gut

Keine Diskussion. Fehler sind natürlich. Fehler haben uns geholfen, Laufen, Sprechen oder Autofahren zu lernen.

Aus dieser Perspektive sah Marcus es auch “so will ich’s mit Freuden anders machen!

Oder: “Juhu, ich weiß jetzt, wie es besser geht! Danke!”

Das Ego ist im Weg!

Dieses Mindset intellektuell zu verstehen ist einfach. Schwieriger ist es, dieses Mindset zu leben.

Vielen haben die Erfahrung gemacht, dass man fehlerfrei sein muss. Dass man alles richtig machen muss. Dass man nur dann ein guter Mensch ist, wenn man alles richtig macht. Dass man nur dann Liebe oder Aufmerksamkeit erhält, wenn man keine Fehler macht.

Viele haben auch die Erfahrung gemacht, dass man sich schuldig fühlen muss, wenn man Fehler begeht…

Das sitzt bei einigen eventuell recht tief, recht schmerzhaft oder ist im Zweifel lebensbestimmend.

Daher erfährt man im echten Leben immer noch die Konsequenzen dieses “falschen, unnatürlichen Mindsets”: bei sich selbst in Bezug (oder Projektion) auf andere oder durch andere auf sich selbst (naja, auch Projektion der anderen auf mich). Auch kann dieses alte Mindset zu Unterlassung von Weiterentwicklung, zum Stillstand, führen. Angst. Unmut. Untugendhaftes Verhalten.

Natürlich tut es dem Ego weh, wenn man es in seiner Unperfektion erwischt. Es windet sich meist mit fadenscheinigen Begründungen aus einer Situation heraus, um weiterhin recht zu behalten.

Gut fühlt sich das nicht an (“Ich bin schlecht”, “andere mögen mich nicht”, “Ich kann das nicht”, “Ich traue mich nicht”)… und manchmal kann das auch recht häßlich werden (Krieg, Verrat, Folter, Vertreibung, Exil, Verbannung, etc.).

Meiner Meinung nach, sollte man das Ego nicht bekämpfen, sondern mit ins Boot nehmen. Es hat doch schon so viel gelitten… 😉

Das neue Mindset etablieren: das Leben als Experiment

Wenn man dem Ego aber sagt, dass es Fehler machen darf, natürlich keine vorsätzlichen und/oder anderen schädigenden Fehler, dann wird es mutiger. Dann wird man selbst mutiger bzw. weniger ängstlich. Man beginnt, sich wieder weiterzuentwickeln. Man kann anfangen, das Leben als eine Serie von Tests in verschiedenen Disziplinen zu sehen. Als großes Experiment.

Man gewinnt an Selbstwert und Selbstvertrauen. Der innere Dialog findet eine neue Basis und ändert sich zum Beispiel zu “Ich versuche das jetzt, wenn es nicht klappt, versuche ich was anderes! Viele Wege führen nach Rom!”.

Anderen entgegenkommen

Wenn man sich selbst gegenüber nun ein freundlicheres Fehlermanagement zugesteht, dürfen wir andere auch daran teilhaben lassen. Wir können verständnisvoll auf einen Fehler, seine Konsequenzen und die bessere Alternative hinweisen (sofern gewünscht oder erforderlich!). Im Dienste der Wahrheit – nicht des eigenen oder fremden Egos wegen.

Das ist wahre charakterliche Reife und gemeinsames, förderliches Wachstum!