Welche Tricks hatte Marcus Aurelius, der römische Philosophen-Kaiser, um aus dem Bett zu kommen, das römische Reich zu regieren und ein guter Stoiker zu werden? Wie er die Bettschwere und den inneren Schweinehund überwunden hat, erläutert er in Buch 5 Absatz 1 seiner Selbstbetrachtungen.

Spannend an diesem Absatz ist die Dialog-Form (wenn es im Original-Text auch so war!) – das innere Selbstgespräch – und welche Aspekte des Stoizismus er dabei verwendet.

Wenn du des Morgens nicht gern aufstehen magst, so denke:
Ich erwache, um als Mensch zu wirken. Warum sollte ich mit Unwillen das tun, wozu ich geschaffen und in die Welt geschickt bin?
Bin ich denn geboren, um im warmen Bette liegen zu bleiben?

– »Aber das ist angenehmer.« –

Du bist also zum Vergnügen geboren, nicht zur Tätigkeit, zur Arbeit?
Siehst du nicht, wie die Pflanzen, die Sperlinge, die Ameisen, die Spinnen, die Bienen, alle ihr Geschäft verrichten und nach ihrem Vermögen der Harmonie der Welt dienen?
Und du weigerst dich, deine Pflicht als Mensch zu tun, eilst nicht zu deiner natürlichen Bestimmung?

»Aber man muß doch auch ausruhen?«

Freilich muß man das. Indes hat auch hierin die Natur eine bestimmte Grenze gesetzt, wie sie im Essen und Trinken eine solche gesetzt hat.
Du aber überschreitest diese Schranke, du gehst über das Bedürfnis hinaus.

Nicht so in den Äußerungen deiner Tätigkeit; hier bleibst du hinter dem Möglichen Zurück.

Du liebst dich eben selbst nicht, sonst würdest du auch deine Natur und das, was sie will, lieben.
Diejenigen, die ihr Handwerk lieben, arbeiten sich dabei ab, vergessen das Bad und die Mahlzeit.
Du aber achtest deine Natur weniger hoch als der Erzgießer seine Bildformen, der Tänzer seine Sprünge, der Geizhals sein Geld, der Ehrgeizige sein bißchen Ruhm?

Auch diese versagen sich den Gegenständen ihrer Leidenschaft zuliebe eher Nahrung und Schlaf, als daß sie es weiter zu bringen suchen in dem, was für sie so anziehend ist.
Dir aber erscheinen gemeinnützige Handlungen geringfügiger und der Anstrengung nicht so wert.

Was lehrt uns Marcus Aurelius in Bezug auf unsere Motivation und Disziplin?

Vermutlich war es nie seine Absicht, dass wir was daraus lernen, da seine Selbstbetrachtungen eher privat waren. Zum Glück können wir aus dieser Passage so einiges mitnehmen.

1. Erinnere Dich an das, was Du erreichen willst und was Deine Aufgabe ist

Marcus Aurelius ermahnt sich, dass er als Mensch die Aufgabe hat, als Mensch unter Menschen einen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten. Das ist die philanthropische Einstellung der Stoiker. Die Aufgabe des Menschen ist es, ein gutes Leben zu führen, im Einklang mit der Natur zu leben und einen Beitrag für das Wohl der Gemeinschaft zu leisten.

Selbst wenn Du das nicht als Deine Aufgabe oder Mission ansiehst, welcher Gedanken könnte Dich aus dem Bett scheuchen?

2. Mache Dir klar, dass Dein aktuelles Verhalten nicht zum Erreichen deiner Ziele beiträgt

Faul im Bett herumliegen oder einfach nichts tun sind die Tätigkeiten, die Dich auf jeden Fall erfolgreich von Deinem Ziel abhalten. Sich das in der entsprechenden Situation bewusst zu machen, indem Du Dir die Frage stellst, ob Du dafür (diese Faulheit!) geboren wurdest, kann die Chance erhöhen, dass Du “aus dem Quark” kommst. An das Ungleichgewicht zwischen Ruhe und Tätigkeit erinnert sich Marcus auch nochmal mit dem Satz “Nicht so in den Äußerungen deiner Tätigkeit; hier bleibst du hinter dem Möglichen Zurück.

3. Überwinde den Widerstand

Klar ist es einfacher und angenehmer, den ganzen Tag im Bett zu liegen und nichts zu tun. Doch auch die Natur, deren Teil wir sind, bleibt morgens nicht einfach im Bett liegen und tut nichts. Widerstand hat viele Facetten. So kann er sich als Aufschieberitis oder Prokrastination äußern: “ich muss aber vorher noch etwas anderes machen…” oder “ich habe Besseres zu tun”. Lustlosigkeit oder der Gedanke, dass man sich nicht danach fühlt, sind auch Zeichen von Widerstand.

Zu erkennen, dass Widerstand auch Teil der Natur des Menschen ist, ist der Anfang, um ihn zu meistern. Ein sehr empfehlenswertes Buch dazu ist “The War of Art” von Steven Pressfield (amazon-Link). Er erläutert in diesem Buch seine Erfahrungen mit Widerstand und wie man mit ihm umgehen kann.

Kann es sein, dass Du auch Erlebnisse kennst, in denen die Überwindung eines Widerstandes in Dir ein Gefühl des Glücks verursacht hat?

Rechne mit Widerstand (und nutze die negative proaktive Visualisierung, um Dir vorab dazu Gedanken zu machen).

4. Finde Balance zwischen Arbeit und Ruhe

Wie Marcus Aurelius oben erwähnt, ist übertriebene Ruhe genauso “unnatürlich” wie übertriebene Arbeit.  Wenn wir anfangen, uns bewusst zu machen, was wir heute geleistet haben, zum Beispiel in einem Tagesrückblick, dann kannst Du genauso gelassen eine bewusste Pause, das Ausruhen und Entspannen genießen.

Finde da für Dich eine angemessene Mitte.

5. Versinke in dem, was Du tust

Das, was Marcus oben damit beschreibt, dass man sich “der Leidenschaft zuliebe Nahrung und Schlaf versagt” nennt man heute Flow: das Aufgehen in der Arbeit und das Vergessen der Umstände drumherum. Flow ist vielleicht vergleichbar mit eudaimonia. Flow ist der Mittelweg zwischen Überforderung und Unterforderung. Wenn es Hindernisse oder Widerstände gibt, kann man sie fast mühelos überwinden. Man vergisst Raum, Zeit und andere Bedürfnisse (wie Toilette oder Nahrungsaufnahme).

Zu Flow gibt es jede Menge Infos im Netz, z.B. Bild der Wissenschaft, Wikipedia oder im Buch des “Entdeckers” des Flow von Mihaly Csikszentmihalyi (amazon-Link).

6. Sei es Dir wert

Die Logik dahinter ist folgende: es gehört zur Natur des Menschen, etwas für das Gemeinwohl beizutragen und seine Pflicht zu erfüllen. Sofern man das nicht macht, missachtet man die dem Menschen gegebene Aufgabe. Was missachtet wird, dem wird nicht genügend Wert gezollt, wird nicht geliebt. Was wider die Natur ist, ist wider dem Selbst/der Seele. Daher mindert die Faulheit den Selbstwert. (Korrigiert mich bitte an der Stelle!)

Der Antrieb kommt von innen heraus

Der Stoiker erhält keinen Antrieb aus Dingen, die nicht seiner Kontrolle unterliegen. Der Wille zum Tätigwerden kommt allein von innen heraus (intrinsische Motivation). Erst die Anerkennung der menschlichen Natur eröffnet die Chance, das Leben deutlich zu verbessern und in die Hand zu nehmen.

Der Körper ist eine leistungsfähige Energiesparmaschine und Widerstand in jeglicher Form gehört zur menschlichen Natur.
Das Überwinden des Widerstandes und das Sammeln von Erfahrungen durch Tun und Dienen machen in nachhinein glücklich und geben Sinn und Erfüllung.

Dieses Wechselspiel zu erkennen und anzunehmen, macht das Leben “rund”.