In diesem und den nächsten Artikeln möchte ich den Kosmopolitismus und die Oikeisosis, welche so viel wie „Zueignung“ oder Selbsterhaltungstrieb bedeutet (siehe Wikipedia) und auf die ich in einem anderen Artikel noch eingehen werde).

Kosmopolitismus

Kosmopolitismus ist eine Weltanschauung, die die gesamte Menschheit als Mitbürger bezeichnet bzw. die gesamte Erde als Heimat betrachtet (vielleicht müssen wir den Begriff bald erweitern oder verwerfen, wenn die ersten Menschen tatsächlich auf anderen Planten leben; jetzt schon halten sich einige Menschen zwar „in Reichweite“ der Erde, aber nicht „auf“ ihr auf).

Die Kreise des Hierokles

Dieser Artikel will die Idee der Kreise des Hierokles darstellen und mit der Stoischen Ethik verbinden.

Jeder Mensch ist von gewissen Kreisen umgeben und damit Teil von etwas Größerem. Die Praktik bestehe darin, dass wir es unserem Verstand erlauben, jeden Bereich des Kreises zu umschließen bzw. sich in die Außenbereiche des Kreises auszudehnen. Es geht also darum, die Distanz von uns zum „anderen“ zu reduzieren.

Von Hierokles‘ Werken ist nicht sehr viel überliefert. Die Hinweise auf die Kreise finden sich wohl in Werken von Johannes Stobaios.

Kreise des Hierokles – eine Meditation

  1. Schließe deine Augen und nimm dir ein paar Minuten zum Entspannen.
  2. Stelle dir einen Kreis aus Licht rund um deinen Körper vor und stelle dir vor, dieser Kreis symbolisiert die wachsende Zuneigung für deine eigene Natur als rationales Wesen, das die Fähigkeit besitzt, weise zu sein.
  3. Nun stelle dir vor, wie der Kreis wächst und andere aus deiner Familie oder deinem näheren Umfeld mit einschließt, sodass du nun für sie die gleiche Zuneigung empfindest wie für dich.
  4. Stelle dir vor, dass der Kreis nun die Leute einschließt, mit denen du täglich zu tun hast, zum Beispiel Arbeitskollegen, und projiziere diese natürliche Zuneigung nun auch auf sie.
  5. Lass den Kreis nun wachsen, sodass er die Menschen aus deinem Land einschließt und projiziere deine Zuneigung auch auf diese.
  6. Stelle dir nun vor, dass der Kreis die ganze Welt und die ganze menschliche Rasse beinhaltet, sodass deine philosophische und philanthropische Zuneigung alle Menschen beinhaltet.

(Die Anleitung findest Du auch im Handbuch zur Stoic Week 2016)

Die Kreise des Hierokles im Alltag (oikeiosis)

Praktiziert werden könne dies auch „im echten Leben“, in dem man statt von „Fremden“ von Brüdern und Schwestern oder Onkeln und Tanten spricht. Damit können wir dem anderen näher kommen bzw. die Entfernung zum anderen reduzieren und ihnen entgegenkommen. (s. auch Artikel von Massimo)

Oikeiosis ist dann die richtige Beziehung zu sich selbst und seiner Umgebung. Oikeiosis ist in der Stoischen Philosophie ein recht technisches Wort, weswegen ich ihm einen extra Artikel widmen werde.

Kosmopolitismus und Philanthropie

Mit dieser Übung bzw. mit Hierokles‘ Beschreibung der Kreise gibt es in der Stoischen Philosophie nun ein Bild für gelebten Kosmopolitismus und Philanthropie, die Liebe zum Menschen. Damit ist die Stoische Ethik nicht nur eine, die sich auf das Individuum bezieht, sondern auch eine Sozialethik.

Damit das Vorurteil nun auch entkraftet ist, Stoiker würden sich nur um sich kümmern oder sich gar in ihrer inneren Burg zurückziehen: dem ist offensichtlich nicht so.

Um mit Cicero zu schließen:

Die Welt aber, erklären die Stoiker, werde regiert durch den Willen der Götter, und sie sei gleichsam die gemeinsame Stadt und Gemeinde der Menschen und Götter und jeder Einzelne von uns sei ein Teil dieser Welt; daraus folge naturgemäß, dass wir den gemeinsamen Nutzen dem unsrigen vorziehen.

Quellen und zum Weiterlesen