Die Leidenschaft, mit der viele Menschen das Thema Emotionen der Stoiker vermengen, ist erstaunlich 😉
Gerade dieses Thema eröffnet, aus meiner Sicht, ein tieferes Erleben und Verständnis für die „Mechanik der eigenen Gefühle“ aus Sicht der Stoischen Philosophie, daher möchte ich mit diesem Artikel mehr Klarheit in das Thema bringen.

Schwammige Begriffe

Wenn ich eines aus der Beschäftigung mit antiken Philosophien gelernt habe, dann ist es, dass die Bedeutung und vor allem die Verwendung von Wörtern sich heute im Vergleich zu damals sehr unterscheiden. Die antiken Philosophen nutzten die Wörter noch ursprünglicher, da sie tatsächlich im Griechischen oder Lateinischen ihren Ursprung hatten (Wörter und Philosophen).

Daher verzichte ich in diesem Beitrag darauf, die Begriffe Emotionen, Gefühle oder Leidenschaften im heutigen Sinne zu definieren oder zu erklären. Lass Dich einfach auf die stoische Idee der Leidenschaften ein und achte darauf, wie diese entstehen und wie diese wirken.

Gute Emotionen und schlechte Emotionen

Subjektiv unterscheidet man häufig zwischen guten und schlechten Gefühlen. Viele haben auch Angst vor ihren Gefühlen. Sie wollen die schlechten Emotionen weghaben oder unterdrücken und auf der anderen Seite wollen sie mehr von den guten Gefühlen haben. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir nie gelernt haben, mit unserem Seelenleben klar zu kommen. Wir können allerhand Fähigkeiten zur Meisterung der Welt aufweisen, aber nicht, wie man das Seelenleben in konstruktivere Bahnen lenkt. Aber dieses Seelenleben begleitet uns ein Leben lang und ist uns immer am nächsten.

Als Motto für diesen Artikel kannst Du Dir das Zitat nach Nassim Nicholas Taleb vor Augen führen: „Wahre Stärke liegt nicht darin, die Existenz von Emotionen zu verleugnen, sondern darin, sie zu zähmen.“

Im Endeffekt geht es darum, immer einen kühlen Kopf zu bewahren und sich nicht von seinen Gefühlen hinreißen zu lassen. Emotionale Unabhängigkeit. Die Stoische Apathie.

Wie das aus stoischer Sicht möglich ist und was überhaupt die Leidenschaften sind, erfährst Du in diesem Beitrag.

Was sind die Stoischen Leidenschaften

Im Griechischen heißen die Leidenschaften pathê und im Lateinischen perturbationes (bei Seneca auch adfectus oder affectus, daher auch das Wort Affekte im Deutschen)

Nach Cicero (und er schrieb nach Zenon) sind Leidenschaften eine Seelenbewegung, die nicht im Einklang mit der Vernunft und der Natur sind. Zenon definiert einen Affekt als „eine unvernünftige, unnatürliche Seelenbewegung oder als einen exzessiven Trieb.“

Also etwas, das nicht im Einklang mit dem logos, der Vernunft und der Natur steht. Was das bedeutet, ohne in andere Stoische Bereiche ausschweifen zu müssen, erkennst Du spätestens anhand der Beschreibung der Affekte weiter unten.

Seneca bezeichnet die Leidenschaften in seinem 116. Brief an Lucilius als Krankheit, die man nicht erst aufkommen lassen darf und meint damit, dass es nicht angemessen ist, Leidenschaften zu mäßigen, sondern dass man Herr über sie werden solle bzw. dass man sich nicht von ihnen versklaven lassen solle. Es geht um „gesund sein“ und nicht um „ein bisschen krank sein“. Die Affekte seien der Übergang zu einem lasterhaften Leben bzw. zur Untugend, daher solle man ihnen keine Berechtigung einräumen (siehe Senecas 85. Brief). Ähnlich wie man Krankheiten auch frühzeitig kuriert oder gar vorbeugt.

Wie entstehen Leidenschaften

In der Diskussion um dieses Thema gab es unter den frühen Stoikern die folgenden Positionen: Zenon hielt die Leidenschaften für ein Produkt von Urteilen und Chrysippus hielt die Leidenschaften für Urteile. Zenons Ansicht hat sich durchgesetzt, wonach die Leidenschaften ein Produkt eines Urteiles seien.

Eine Leidenschaft entsteht, wenn man etwas äußeres Gegenwärtiges oder Zukünftiges als gut oder schlecht (als ein Gut oder ein Übel) ansieht oder beurteilt. Weiter unten findest Du eine Auflistung der Leidenschaften und welche Ursache sie genau haben. Da nach der Stoischen Philosophie die Tugendhaftigkeit (arete) das einzige Gut und die Lasterhaftigkeit das einzige Übel ist, sind die durch das Streben oder Vermeiden von externen Dingen entstehenden Gefühle nicht erstrebenswert. Die Ursache für das Entstehen eines Affekts ist demnach ein falsches Urteil über etwas Gutes oder Böses in der Gegenwart oder Zukunft. Urteile gehören zur Stoischen Logik. Eine kurze Einführung zur Stoischen Logik findest Du in diesem Beitrag.

Seneca rät, die Affekte nicht erst aufkommen und sich weiterentwickeln zu lassen. Damit meint er nicht, dass es keine Anzeichen oder Anfänge von Leidenschaften gibt. Er weiß, dass es natürlich ist, solche Empfindungen zu haben. Er meint vielmehr, dass, wenn man den Anfang oder den Keim bemerkt, nicht weiter auf ihn eingeht. Gibt man dem Eindruck zu sehr nach, entwickelt sich eine unvernünftige Leidenschaft. Der Beginn eines Lasters.

Die 4 Leidenschaften und ihre Variationen

 

Die Stoiker haben die Leidenschaften in vier Typen unterteilt. (Nach Diogenes Laertios, Buch VII 111)

  • Schmerz
  • Angst
  • Begierde
  • Lust

Schmerz/Trauer

Schmerz ist ein in der Gegenwart empfundenes Übel. Zu der Kategorie zählen auch

  • Mitleid, ein Schmerz über jemanden, der leidet
  • Neid ist der Schmerz über ein fremdes Glück
  • Missgunst ist der Schmerz, dass jemand etwas hat, was man selbst gern hätte
  • Eifersucht ist, wenn jemand etwas hat, was man selbst besitzt
  • Bedrängnis ist ein drückender Schmerz
  • Belästigung ist ein beengender, mit Verlegenheit verbundener Schmerz
  • Missmut ist, wenn sich Grübeleien in Schmerzen steigern
  • Wehleid entsteht aus Überforderung
  • Bestürzung ist unvernünftig und blockiert das Bewusstsein

Angst

Angst ist die Erwartung eines Übels.

  • Schrecken ist die Angst, die Furcht provoziert
  • Scham ist die Angst vor schlechtem Ruf
  • Unentschlossenheit ist die Angst vor einer künftigen Tätigkeit
  • Entsetzen entsteht durch den Eindruck eines unheimlichen Ereignisses

Begierde

Begierde ist eine falsche Vorstellung von einem zukünftigen Gut (ein Streben nach etwas)

  • Verlangen ist wenn man sich nach einem Gegenstand sehnt, der aber weit entfernt ist
  • Hass ist eine sich steigernde und anhaltende Begierde, dem anderen Schaden zuzufügen
  • Ehrgeiz möchte etwas erobern
  • Wut ist die Begierde nach Rache, nachdem jemand etwas Unrechtes getan hat
  • Liebe in der Form des Dranges nach Freundschaft aufgrund äußerer Schönheit
  • Zorn ist heftige Wut
  • Jähzorn ist beginnende Wut

Lust

Lust ist eine falsche Vorstellung von einem gegenwärtigen Gut.

  • Verzückung ist Lust, die durch Hören verursacht wird
  • Schadenfreude hat Lust am fremden Leid
  • Ergötzung (Befriedigung) ist die Hinwendung zur Entspannung
  • Ausgelassenheit/Zerstreuung ist die Abwesenheit der Tugend

Gute Gefühle (eupatheia)

Dem Stoischen Weisen, dem Idealbild der Stoiker, spricht man die folgenden Emotionen zu: vernünftiges Wollen/Gutwilligkeit, Vorsicht und Freude.

Die guten Leidenschaften sind die Gegensätze zu den oben aufgelisteten Leidenschaften. Der Lust steht Freude als eine von der Vernunft wohlgerechtfertigte Gemütserregung gegenüber. Der Angst steht Vorsicht als wohlbegründetes Ausweichen gegenüber; denn der Weise wird sich zwar nicht fürchten, aber dennoch Gefahren ausweichen. Der Begierde steht das Wollen gegenüber, das sich im Einklang mit der Vernunft befindet.

Zur Freude zählen auch Ergötzung/Befriedigung, Wohlgemutheit und Heiterkeit. Wohlwollen, Güte, Freundlichkeit und Herzlichkeit gehören zum Wollen (dem guten Willen) und Scham und Zurückhaltung gehören zur Vorsicht.

propatheia

Es gibt auch die sogenannten propatheia, eine Art Vor-Emotion. Darüber habe ich bereits in diesem Artikel geschrieben(So emotionslos sind Stoiker). Das bedeutet, dass sich die Stoiker bewusst waren, dass es gewisse Eindrücke von außen gibt, die unwillkürlich auf einen einwirken. So kommt es, dass man erschrickt oder kurzzeitig verängstigt ist. Der Stoische Weise erkennt einen solchen Eindruck direkt, prüft ihn, entfernt das möglicherweise vorhandene unterbewusste Werturteil und stimmt dem Eindruck dann zu oder lehnt ihn ab. Nicht umsonst empfiehlt Epiktet bspw. dass man eine gewisse Distanz zum ersten Eindruck bewahren soll:

Bemühe dich daher, jedem ärgerlichen Eindruck sofort entgegenzuhalten:
»Du bist nur ein Eindruck, und ganz und gar nicht das, was du zu sein scheinst.«
Dann prüfe und begutachte den Eindruck nach den Regeln, die du kennst, vor allem nach der ersten Regel, ob der Eindruck zu tun hat mit den Dingen, über die wir gebieten, und wenn er mit etwas zu tun hat, über das wir nicht gebieten, dann habe die Antwort zur Hand:
»Es geht mich nichts an.«
– Epiktet, Handbüchlein der Moral I

Was ist die Apathie

Die Apathie hat nichts mit dem gleichnamigen ICD-10 Code zu tun, denn diese Teilnahmslosigkeit wird als eine Krankheit charakterisiert, wohingegen die antike, stoische Apathie ein erstrebenswerter Zustand ist, der im Zusammenhang mit der Ataraxie (Unerschütterlichkeit) steht und als Basis der Eudaimonie dient. Das Wort kommt aus dem Griechischen und heißt ἀπάθεια (apatheia) und setzt sich aus a- (=ohne) und pathos (=Leidenschaft) zusammen. Die Apathie beschreibt einen geistigen Zustand, der nicht von Leidenschaften beeinflusst ist. Vollständige apatheia schreibt man nur dem Stoischen Weisen zu.

Bei der Apathie geht es um die Beherrschung der Leidenschaften, sodass man frei von egoistischen, von außen getriebenen Einflüssen handelt und keinen Angriffspunkt bietet.

Sei wie ein Fels, an dem sich beständig die Wellen brechen: Er steht fest und dämpft die Wut der ihn umbrausenden Wogen Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen IV 49

Ohne Affekte ist nicht gleich ohne Affekte!

Die Stoiker kannten nach Diogenes Laertios VII 117 zwei Formen der Abwesenheit der Affekte. Der Stoische Weise ist immun gegen Affekte (= nicht unempfänglich!, die Leidenschaft bricht nur nicht aus) und ihn kümmern Ruhm, Eitelkeit oder Unbekanntheit nicht. Andere scheinen zwar auch apatheia zu haben, allerdings entsteht diese durch Härte und Unempfindlichkeit und deren Eitelkeit entstamme dem Leichtsinn. Sie meinen damit, dass auch im Stoischen Sinne schlechte Menschen apatheia erreichen können, nur da es nicht auf tugendhafte Weise geschehen ist, ist es keine erstrebenswerte Form. Damit haben die Stoiker vor 2000 Jahren eigentlich schon mit dem bis heute gültigen Vorurteil der „Emotionslosigkeit“ aufgeräumt…

Der herrschende und gebietende Teil deines Wesens bleibe bei leisen oder heftigen Regungen in deinem Fleische unerschüttert. Er mische sich nicht in das Fleischliche, sondern beschränke sich auf sein Gebiet und umgrenze jene Reizungen in seinen Gliedern. Wenn sie jedoch kraft ihrer anderweitigen Mitteilbarkeit infolge der Einigung von Geist und Körper in das Denkvermögen eindringen, dann versuche es nicht, gegen ein natürliches Gefühl zu kämpfen. Nur den Wahn, als handle es sich um ein Gut oder um ein Übel, füge der in dir herrschende Teil nicht von sich hinzu.
Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen V 26

Kontrolle der Emotionen?

Meiner Meinung nach kann man nicht direkt von Kontrolle von Emotionen sprechen, da die Leidenschaften eine Folge eines falschen Urteils sind. Vielmehr lernt man seine Urteile zu überprüfen und diese zu kontrollieren. Was man wohl lernen darf, ist die Kontrolle über das Aufkommen einer Leidenschaft. Also das Erkennen, Neu-Beurteilen und Sein-Lassen eines Dranges von Lust, Begierde, Angst oder Schmerz. Doch mir gefallen die Worte „Erziehung“ oder Zähmung besser als Kontrolle, da es ein Lern- und Erfahrungsprozess ist und keine Form von Schalter mit on/off.

Zum Thema der Wahrnehmung und Kontrolle der Urteile habe ich hier bereits etwas geschrieben.

Kernaspekt bei der Meisterung dieses Themas ist die Einsicht darin, welche Dinge gut und erstrebenswert sowie schlecht und vermeidenswert sind. Epiktet stellt das auch in seinem Ausspruch „Einige Dinge stehen in unserer Macht, andere hingegen nicht…“ treffend dar – das Thema der Kontrolle.