Einmalig in seinem Buch und vielleicht auch einmalig in der Geschichte der klassischen Literatur beginnt Marcus Aurelius das erste Buch seiner Selbstbetrachtungen auf die folgende Art und Weise. Wie Du diese Art und Weise nutzen kannst, um Dein Bild von Dir, also das was Du über Dich denkst, zu verändern und damit Dein Leben zu verändern, erfährst Du in diesem Beitrag.

Jeder Absatz in diesem ersten Buch folgt einem bestimmten Schema. Marcus listet hier die Personen auf, von denen er gute Charaktereigenschaften gelernt hat. Zum Beispiel:

Mein Großvater Verus gab mir das Beispiel der Milde und Gelassenheit.
1.1

Meine Mutter war mir durch ihre Frömmigkeit und Wohltätigkeit ein Vorbild; ich bestrebte mich, ihr gleichzukommen und das Böse weder zu tun noch auch nur zu denken und wie sie einfach und mäßig zu leben, weit entfernt von dem gewöhnlichen Luxus der Großen
1.3

Von Alexander, dem Platoniker, habe ich gelernt, niemals ohne Not zu sagen oder zu schreiben: Ich habe keine Zeit, und nie ein solches Mittel zu gebrauchen, um unter dem Vorwand dringender Geschäfte die Pflichten, die uns die Freundschaft auferlegt, zurückzuweisen.
1.12

Der griechische Text von Marcus Aurelius‘ Selbstbetrachtungen. Jeder Absatz fängt mit den gleichen Worten an…

 

Schreibe Dein eigenes erstes Buch Deiner Selbstbetrachtungen

Lies Dir das erste Buch der Selbstbetrachtungen durch. Du findest Den Text auch online im Projekt Gutenberg.

Beginne in einem Notizbuch, Deinem Tagebuch, einer digitalen Schreib-App Deiner Wahl einfach damit, Antworten auf die gleich folgenden Fragen zu finden:

Schaue Dir die Menschen an, denen Du in Deinem Leben begegnet bist. Es können Menschen sein, die leben, gelebt haben oder noch nie „in echt“ lebten: Familie, Freunde, Mitschüler, Lehrer oder bekannte Persönlichkeiten, Superhelden, verstorbene Persönlichkeiten, antike Philosophen…

Die Fragen

  • Von wem hast Du etwas Gutes für Dein Leben gelernt?
  • Was bewunderst Du an dieser Person?
  • Für was bist Du ihr dankbar?
  • In welchen Situationen ist/war diese Person außergewöhnlich?

Ziehe nicht nur die Menschen in Betracht, die Du magst, sondern schaue Dir auch die Menschen an, die Du nicht so magst…was kannst Du von ihnen lernen?

Was bringt diese Übung?

Selbsterkenntnis über die eigenen Werte

Diese Übung zeigt Dir selbst, welche Werte, Eigenschaften und Fähigkeiten Du bei anderen Menschen bewunderst und Dir damit wichtig erscheinen. Das bedeutet nicht, dass Du diese Eigenschaften bereits selbst besitzt. Die erkannten Eigenschaften können ein wichtiger Teil Deiner Erkenntnis über Dich selbst sein.

Wie würden sich Deine Vorbilder verhalten?

Du hast mit dieser Auflistung auch eine Liste Deiner Vorbilder – Vorbilder, die in bestimmten Situationen für Dich wichtige Werte vertreten. Damit kannst Du Dir vor oder in bestimmten Situationen die folgende Frage stellen:

„Was würde Dein Vorbild in dieser Situation tun?“

Vorlage für die proaktive Visualisierung

„Du bist, was Du von Dir denkst und wenn Du anders von Dir denkst, kannst Du auch anders sein.“

Nutze Dein Vorbild, Dein Ideal, um Dein Selbstbild zu optimieren. Stelle Dir dazu vor, wie Du in einer Situation genauso handeln würdest, wie Dein Ideal. Wichtig ist dabei, dass Du Dich als Du selbst in Aktion visualisierst. Den Prozess, die Handlung aus Deiner Sicht. Stelle Dir nicht vor, wie Dein Vorbild die Situation löst.
Übung, also Wiederholung und Verfeinerung macht auch hier die Meisterschaft.

Das ist ein vergleichbares Vorgehen wie bei der proaktiven Visualisierung.

Die Idee dahinter.

Die Idee hinter dieser Übung ist auch, seinen Charakter nach einer Idee (einer geistigen Vorlage) zu formen.

„Zu diesen Ursachen fügt Platon eine fünfte hinzu, das Vorbild, die er selbst „idea“ nennt; das ist es nämlich, was der Künstler berücksichtigt hat, wenn er das, worauf er hinzielte, bewirkt hat. Nichts aber hat damit zu tun, ob er draußen das Vorbild hat, auf das er seinen Blick richtet, oder im Innern eines, das er dort selbst entwickelt und sich zum Ziel gesetzt hat.“
– Seneca, Briefe an Lucilius, Brief 65

Welche Idee von Dir selbst, von Deinem Charakter, Deinem Leben als Kunstwerk, kannst Du mit dieser Übung vervollständigen?

P.S. Diese Übung kannst Du auch regelmäßig bei deiner täglichen Selbstreflexion nutzen. Mehr Infos zu den Selbstbetrachtungen.