Das ist die Zusammenschrift aus dem Stoiker Meetup zu dem gleichnamigen Thema. Es ist keine saubere philosophische Betrachtung. Mehr ein loses Zusammenheften von wichtigen Konzepten der Stoiker an die Eudaimonie, verbunden mit einem praktischen Sinnbild, einer Metapher.

Was ist eigentlich die Eudaimonie?

Es geht um den eu-daimon, einen guten Geist (oder bist du von allen guten Geistern verlassen?). Und es geht um das Ziel, telos, des Leben aus Sicht der Philosophen. Es geht also darum, einen guten Geist, Genius – doch überschneidet sich das nicht mit der Tugendhaftigkeit. Nein, nicht wirklich.

Der Begriff unseres [höchsten] Gutes läßt sich auch noch anders bestimmen, d.h. der Gedanke bleibt derselbe, wird aber in andere Worte gefaßt.

schreibt Seneca in “De vita beata / Vom glückseligen Leben” Quelle

Das höchste Gut ist eine das Zufällige geringschätzende, ihrer Tugend frohe Seele, oder: eine unüberwindliche Kraft der Seele, voll Erfahrung, ruhig im Handeln, reich an Menschenliebe und Sorge für die, mit denen man lebt.

Man mag den Begriff auch so bestimmen, daß man denjenigen Menschen einen glückseligen nennt, dem Nichts ein Gut oder ein Uebel ist, als eine gute oder schlechte Seele, der ein Verehrer des Sittlichguten ist, dem seine Tugend genügt, den Zufälliges weder erhebt noch niederschlägt; (3.) der kein größeres Gut kennt, als was er sich selbst geben kann, dem die Verachtung der Wollust ist.

Die Tugend reicht also zum glücklichen Leben.

Aber stopp. Wir müssen an dieser Stelle mal die Vokabeln klären.

Übersetzungs- und Bedeutungsproblematik

Im Englischen wird das Wort gerne als happyness übersetzt, sodass es passiert, dass im im Deutschen als Glück daherkommt. Glück ist mehrfach belegt im Deutschen, abhängig vom Kontext. Englische Autoren bevorzugen das Wort flourishing, was auf Deutsch soviel wie gedeihen oder aufblühen bedeutet. Mir gefällt das Wort “gelingen“. Also ein gelingendes Leben leben = ein eu-dämonisch gutes Leben leben.

Dennoch: in der philosophischen Diskussion bevorzuge ich es, einfach von Eudaimonia oder Eudämonie zu sprechen.

Abgrenzung zum Hedonismus

Ohne direkt darauf hinzuweisen, was eudaimonia beinhaltet, können wir einen kurzen Blick auf den Hedonismus werfen. Dort steht die Erfüllung der Lust, meist körperlicher Lüste, im Vordergrund. Ein Problem daran ist, dass die Befriedigung von Lust kein Ende kennt, eine Tretmühle sozusagen.

Daher kommt es auch, dass Menschen so vielen externen Glücklichmachern hinterherrennen: das Haus, das Boot, das Auto, die neueste Technik, was auch immer – ohne zu merken, dass wir in einer Tretmühle stecken. Glänzend, aber hohl und kurzlebig stellen sich viele Glücksgüter dar.

Daher ist die Frage: was, wenn überhaupt, verspricht ein nachhaltig gutes Leben? Die Frage läutet auch einen Perspektivwechsel ein: wie übernehme ich selbst die Verantwortung für mein Glück?

Sinnbild: Marionette

Ich möchte nun als Sinnbild die Marionette einführen. Eine “Gliederpuppe”, deren Gliedmaßen und Kopf an Fäden festgemacht ist.

Der Puppenspieler und die Puppe sind wir selbst. Wir dürfen daher lernen, die Umgang mit der Puppe zu lernen. Die Fäden selbst in die Hand zu nehmen. Was anders haben wir nicht, daher dürfen wir das Beste daraus machen.

Als Mittel zur Verwirklichung der Eudaimonie sei die arete (die Exzellent des Charakters genannt). Nach Zenon ist die arete allein ausreichend für die Eudaimonie.

Die Eudaimonie ist in diesem Sinnbild die gleichmäßige, bestmögliche Bewegung der Puppe.

Klingt einfach, oder? Doch welche Fähigkeiten werden benötigt, damit die Bewegung der Puppe gleichmäßig wird? Was darf der Puppenspieler lernen?

Wie erlangt man eudaimonie – arete

Dafür hangle ich mich durch Senecas “De vita beata” und formuliere seine Aussagen verständlicher um. Er beschreibt das, was notwendig sei, um zu einem guten Leben zu kommen.

Das höchste Gut ist eine das Zufällige geringschätzende, ihrer Tugend frohe Seele

Das Ziel ist es, eine Seele zu “bilden”, die das wertschätzt, was nicht zufällig ist und sich über ihre Tauglichkeit (daher kommt das Wort Tugend) für die Meisterung des Lebens freut.

Für ihn synonym damit ist die folgende Aussage:

[Das höchste Gut ist] eine unüberwindliche Kraft der Seele, voll Erfahrung, ruhig im Handeln, reich an Menschenliebe und Sorge für die, mit denen man lebt.

Das möchte ich nicht umformulieren; stattdessen eher anregen, nachzudenken, wie diese beiden Aspekte vereinbar sein können? Es geht hier um Besonnenheit, Weisheit sowie Fürsorge bzw. eher das, was die Stoiker unter der oikeiosis verstehen.

Man darf zu einem Menschen werden,

der kein größeres Gut kennt, als was er sich selbst geben kann, dem die Verachtung der Wollust ist

Es geht um die inneren Werte, den Charakter, die Ausbildung der in allen Menschen vorhandenen Tugenden. Nicht etwa, weil es sich so gehört oder weil es so erwartet wird, sondern allein daher, da es insgesamt vernünftig ist, diese Fähigkeiten in die Welt zu bringen.

Es ist die Fähigkeit zu erwerben, unterscheiden zu können, was ein Gut ist und was nicht.

ein glückseliges Leben sei ein freier, hochgesinnter, unerschrockener und standhafter,
über Furcht und Begierden erhabener Geist, für den es nur ein Gut gibt, Sittlichkeit, und nur ein Uebel, Unsittlichkeit?

In dieser Textstelle springen einem die stoischen Disziplinen nahezu an…

Was darf man entfernen, um der eudaimonie näher zu kommen?

Ich stelle die Frage gerne so herum – denn häufiger darf man auf dem Weg dahin etwas entfernen, statt hinzufügen.

Autarkie – Selbstgenügsamkeit

Was darf die Marionette nun lernen? Selbstgenügsamkeit beispielsweise. Die Erlangung eines höheren Grades von Unabhängigkeit – zum Beispiel materiell, ideell oder sozial. Zum Beispiel auch, dass man seinen Wert, seinen Selbstwert nicht (zu sehr) von anderen abhängig macht. Inwiefern das möglich ist, bzw. bis zu welchem Grad man das treibt, möchte ich nicht weiter ausführen, aber darauf hinweisen, dass es sich um ein Ideal handelt – dessen Charakter es ist, dass man es nicht erreicht.

Ataraxia – Unerschütterlichkeit

Die Marionette bzw. der Puppenspieler darf die Fähigkeit entwickeln, unerschütterlich zu sein. Wie geht das? Bspw. dass man immer einmal mehr aufsteht, als man hingefallen ist und lernt, weniger (oder besser) zu fallen.

Da hilft die stoische Sicht auf die Geschehnisse (oder das Schicksal): alles ist dafür da, dass wir daran stärker werden und wachsen. Dieser Kosmos ist die bestmögliche Version. Alles was passiert, passiert zu Gunsten des Kosmos, auch wenn man als einzelner Mensch das nicht erkennt. (An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass das Geschriebene Genozide, Massenmorde oder ähnliches nicht rechtfertig; es bleibt hier undiskutiert)

Apatheia – Leidenschaftslosigkeit

Doch, die Marionette und der Puppenspieler haben Gefühle. Doch sie lernen, mit den exzessiven umzugehen, sich nicht von ihnen davonreißen zu lassen und gewisse Emotionen zu kultivieren.

Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir uns von ihnen bilden, sagte einst Epiktet. Die Tragweite dieser Erkenntnis ist enorm. Wenn man gleichzeitig erkennt, was man in seiner Macht hat und was nicht, sowie was erstrebenswert ist, und was nicht, löst sich das mit den Emotionen auch.

Moderne Forschung

Die moderne Psychologie, genauer die Positive Psychologie (PP), hat das antike Konzept der Eudämonie in gewisser Weise wiederentdeckt und integriert. Die PP kümmert sich um die positiven Aspekte des Menschseins, wie Glück (ist das die Eudaimonie?), Optimismus oder Vertrauen.

Was mir an der PP gefällt: es geht nicht um Krankheiten oder Gestörtheit.

3 Forscher oder Forschergruppen möchte ich hier hervorheben.

Martin Seligman

Man nennt ihn angeblich auch den Vater der Positiven Psychologie (den Begriff aber prägte Abraham Maslow). Bei ihm geht es vor allem darum, seine Stärken im Dienst für etwas einzusetzen, das größer ist, als man selbst. Er hat herausgefunden, dass man während angenehmer Aktivitäten zwar glücklicher ist; Auf lange Sicht jedoch sind diejenigen, die eine eher eudaimonische Existenz führen (arbeiten an der Entwicklung ihrer Potenziale und Fähigkeiten) mit ihrem Leben zufriedener.

Er hat geforscht und 5 Säulen für ein gelingendes Leben aufgestellt (PERMA-Modell):

  • P – Positive Emotionen
  • E – Engagement
  • R – Beziehungen (Relationships)
  • M – Sinn (Meaning)
  • A – Erfolge (Accomplishments)

Carol Ryff

Nach Carol Ryff sollte Wohlbefinden aus sechs Komponenten bestehen.

  1. Selbstakzeptanz (positive Bewertung des eigenen Selbst und des eigenen Lebens), Selbst-Akzeptanz
  2. persönliches Wachstum
  3. Lebenszweck, Sinn im Leben
  4. positive Beziehungen zu anderen
  5. Umgebungsmeisterung (die Fähigkeit, das Leben und die Umgebung effektiv zu managen)
  6. Autonomie

Ryan und Deci

Ryan und Deci postulieren die Existenz von drei fundamentalen Bedürfnissen, die universell sind (in verschiedenen Kulturen und Zeiten entdeckt).

  • Autonomie – die Notwendigkeit, zu wählen, was man tut, ein Agent des eigenen Lebens zu sein.
  • Kompetenz – das Bedürfnis, das zu tun, was man tut.
  • Verbundenheit – die Notwendigkeit, menschliche Verbindungen zu haben, die eng und sicher sind, dabei aber die Autonomie respektieren und die Kompetenz fördern.

Wenn diese Bedürfnisse befriedigt sind, werden Motivation und Wohlbefinden gesteigert, und wenn sie begrenzt sind, wirkt sich dies negativ auf unser gutes Funktionieren aus.

Abschluss

Ist die Eudaimonia ein lohnenswertes Ziel? Das darf jeder für sich entscheiden.

Am Ende bleibt es ein Versprechen, das man selbst erfahren darf, damit man es glaubt. Kleine Häppchen, dieser Erfahrung machen “Lust auf mehr” 😉