Ethos (ἔθος): Gewohnheit, Sitte - die durch wiederholtes Handeln entstandene Prägung des Charakters. Enger verwandt mit hexis (erworbene Disposition) als mit äußerem Brauch.
Musonius Rufus sah Erziehung, Umfeld und Gewohnheiten als entscheidende Formkräfte: Was wir täglich tun, formt, wer wir werden (Vorlesungen 1.1). Epiktet führt das fort: "Da Gewohnheit ein so starker Einfluss ist und wir es gewohnt sind, unseren Impulsen zu folgen - so sollen wir dieser Gewohnheit eine entgegengesetzte Gewohnheit entgegensetzen" (Unterredungen 3.12.6). Schlechten Ethos bekämpft man nicht durch Einsicht allein, sondern durch konsequentes Gegenüben.
Die stoische Pointe: Ethos ist plastisch. Was durch Gewohnheit entstanden ist, kann durch Gewohnheit verändert werden - das ist die Grundlage der stoischen askesis. Tugend ist nicht angeboren, sie wird eingeübt.
Marcus verwendet den Begriff viermal - er bevorzugt konkrete Handlungsanweisungen vor abstrakter Charaktertheorie.
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