Orwells 1984 & Stoa - Kapitel 1

Intro

Immer wieder höre oder lese ich, dass 1984 Teile unseres täglichen Lebens ziemlich gut beschreibt: Denkverbote, Neusprech, Überwachung, Parteipropaganda.

Ich habe 1984 bisher noch nicht gelesen und möchte daher eine Artikelserie starten, in der ich kapitelweise meine Gedanken zum Geschehen in 1984 aus stoischer Sicht darlege. Wie geht man mit Erkenntnis und Ethik in einer Welt um, in der alles dafür getan wird, dass man in der Spur bleibt, auch wenn es der Wahrheit oder der menschlichen Würde widerspricht.

Dabei geht es mir in erster Linie darum, die Strukturen und Wirkmechanismen dahinter zu erkennen. Da es Parallelen zur heutigen Zeit gibt, so werde ich sicherlich moderne Beispiele solcher Strukturen finden. Beispiele aus der heutigen Zeit sind emotional aufgeladen; auch wenn ein Mechanismus von einer heutigen Partei propagiert oder genutzt wird (Massenüberwachung mit KI bspw.), so heißt das nicht, dass diese durchweg totalitär oder autoritär ist, aber man darf sich schon die Frage stellen, ob das die richtigen Strukturen für eine Gesellschaft sind, der es in Zukunft gutgehen soll und ob man hier der richtigen Seite zujubelt. Denn "Was dem ganzen Bienenschwarme nicht zuträglich ist, das ist auch der Biene nicht zuträglich." (Selbstbetrachtungen 6.13)

Ich werde die Artikel kapitelweise schreiben; so, wie ich gerade Zeit und Energie dazu habe. Denn ehrlich: Orwell schreibt gut, die Übersetzung scheint auch gut zu sein und das, was er beschreibt, ist am Ende auch keine einfache Kost. Sich hineinzuversetzen in eine Welt mit Strukturen, die dein ganzes Leben gestalten, den Funken des eigenen logos unterdrücken oder in der "im Einklang mit der Natur leben" bereits für einen definiert ist, kostet Energie.

Wie würde ein Stoiker in so einer Welt navigieren?

Kapitel 1 - "... und die Uhren schlugen dreizehn"

Orwell schreibt gut: man ist direkt drin in den Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen von Winston Smith. Ihm gefällt diese Welt nicht.

Allein die aufgebaute Atmosphäre wirft die Frage aus stoischer Sicht auf: "Was fehlt ihm denn zum Glück?" Aufzug geht nicht wegen Sparprogramm - indifferent. Poster mit "Der Große Bruder sieht dich" - indifferent.

Aber: der omnipräsente und denunzierende Telemonitor, Streifflüge der Gedankenpolizei, Arbeitsplatz im Ministerium für Wahrheit (MiniWahr) sowie allem voran Neusprech und Doppeldenk werden schon weniger indifferent:

Krieg ist Frieden Freiheit ist Sklaverei Unwissenheit ist Stärke

Rein logisch (mathematisch) gesehen ist die Parole der Partei falsch. Krieg ist gleich Krieg. Sklaverei ist gleich Sklaverei. Unwissenheit ist Unwissenheit. Diese Pervertierungen funktionieren nur, wenn man Mittel und Zweck vermengt: durch Krieg erlangt man Frieden; innerhalb der Sklaverei hat man Freiheit; etwas nicht zu Wissen schützt einen vor Schwäche. Das ist das Gift des Doppeldenk, das es schwierig macht, überhaupt eine Zustimmung (synkatathesis) oder gar Unterscheidung zu treffen, wenn gegenteilige Bedeutungen ineinander kollabieren. Wer den Krieg kritisiert wird dann automatisch zum Gegner des Friedens stigmatisiert; wer Sklaverei (heute: Steuerlast, enge Regeln, Reformen, Eingriffe in das private Leben) kritisiert, wird zum Feind der Freiheit; und wer alles wissen möchte (oder weiß), weiß zu viel.

Das Problem ist auch, dass man ein böses/lasterhaftes Mittel (Krieg, Sklaverei, Unwissenheit) für den guten Zweck (Frieden, Freiheit, Stärke) einführt, um das Böse zu legitimieren. Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Zwecken - oder so. Es wirkt, als gäbe es keine anderen Mittel - aber soweit kommt es nicht, wenn Kritiker direkt mundtot gemacht werden.

Perverserweise ist eine Enthaltung (epoche) des Urteils mit Hindernissen verbunden: denn der nächste Denunziant könnte bereits im nächsten Hassritual erkennen, dass man den Hass nur spielt - wenn überhaupt - im Zweifel droht einem dann ein Hausbesuch sowie die Vaporisierung. Zum Glück haben wir da das komplette Repertoire der Stoiker im Rucksack "Umgang mit Tyrannen 101", "Glücklich Leben im Exil - Ein Fernkurs" aber auch "Der befohlene Suizid - ein Ratgeber für Tyrannen, Berater und Angehörige" - Sarkasmus beiseite. Aber das wäre indifferent. Vielleicht zu dem Thema in einem anderen Artikel mehr.

Dass in 1984 sehr viel mit den Grundlagen zur Wahrheitsfindung gespielt wird, erkennt man daran, dass Winston gar nicht mal weiß, ob 1984 ist, da die Historie scheinbar immer unschärfer wird - genauso wie die Erinnerung. Wie will man zur Wahrheit finden, wenn es keine äußeren Marker der Orientierung mehr gibt, an denen sich die Vernunft festhalten kann?

Winston wählt es, eine Rolle zu spielen: die des Hörigen. Aber er kann sich seiner Natur nicht erwehren: irgendwas hat ihn veranlasst, dieses Buch zu schmuggeln und in seiner unbeobachteten Ecke mit mehr oder weniger klaren Gedanken zu schreiben. Wobei er die klaren Gedanken nur unbewusst zu Papier bringt. Das bewusste Schreiben ist begleitet von Scham und Schuld. Er weiß, dass sein Kopf, sein Wesen, sich gegen die Strukturen und Machenschaften der Partei stemmt und gleichzeitig dissoziieren ihn seine Scham und Schuld von seinem wahren Wesen.

Scham und Schuld sind Herrschaftsinstrumente. "Divide et impera"/Teile und herrsche. Die Partei hat Feindbilder, die sie braucht, um all das zu rechtfertigen, was wider der Vernunft installiert ist. Der ritualisierte, trancehafte Zwei-Minuten-Hass wirkt hypnotisch, ansteckend, in der Tiefe. Es sind eingeübte Emotionen "...denn von den Gedanken nimmt die Seele ihre Farbe an" (Selbstbetrachtungen 5.16) - und in der erzwungenen Transformation des inneren Wesens liegt eine Gefahr.

O'Briens Politische Rechtgläubigkeit, der Junioren-Anti-Sex-Bund, Emmanuel Goldstein und die Bruderschaft, der (fehlgeleitete, leitbare) Hass - all das kommt bereits im ersten Kapitel vor - und ich erwarte, dass sich diese Themen im Laufe des Buches weiter durchziehen werden, sodass ich sie an gegebener Stelle vertiefen kann. Da steckt noch so viel totalitärer Mist sowie Erkenntnis-Gold drin und ich bin gespannt, was ich noch lesen werde.

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