Der emotionale Stoiker #3 - Emotionstheorie der Stoiker - körperlich gesehen

In dieser Folge dreht sich alles um die Emotionstheorie der antiken Stoiker und die Frage, wie diese Philosophie unser echtes, verkörpertes Erleben beeinflussen kann.

Ich bespreche zentrale stoische Begriffe wie pneuma, logos und tonos und fokussiere mich dann darauf, wie Emotionen nicht nur kognitiv, sondern auch körperlich spürbar sind. Ein zentrales Thema ist das Ziel des Menschen: ein Leben im Einklang mit der eigenen Natur und dem Weltganzen zu führen - ein Zustand, der als Wohlfluss des Lebens beschrieben wird und mit Kohärenz, Freude und innerer Stimmigkeit verbunden ist. Dann beleuchte ich, wie Fehlurteile und verkörperte Bewertungen oft den freien Fluss unserer Emotionen behindern, und weshalb echte Tugend mehr als theoretisches Wissen verlangt: Sie ist eine zu erlernende Kunst. Abschließend gebe ich einen Ausblick auf praktische Übungen, die helfen können, diese stoische Lebenskunst zu verwirklichen.

Viel Freude mit dieser Folge - ich freue mich auf deine Gedanken an podcast@stoiker.net

Die Themen:

00:00 Intro
00:10 Einleitung zur Emotionstheorie: Scham
00:55 Entstehung der Welt - pneuma & scala naturae
03:05 tonos - die innere Spannung
04:29 telos - worauf zielt das alles ab?
08:23 pathe - Bewertungen und Emotionen
11:00 agathosagathosdas GuteVollständige Definition → - das Gute
12:55 arete & paideia - die Tugend & Bildung
15:50 Abschluss
16:27 Outro

Artikel

Herzlich Willkommen zu einer neuen Folge des emotionalen Stoikers - der Podcast über die Philosophie der Stoiker - aus dem echten Leben fürs echte Leben.

Kennst du das Gefühl von Scham? Als körperliches Ereignis. Die Wärme, die ins Gesicht steigt. Das Zusammenziehen in der Brust. Der Impuls, kleiner zu werden, zu verschwinden. Der Blick, der nach innen fällt und dort etwas Unzulängliches findet.

Die Stoiker hatten dafür eine Sprache. Und ich behaupte heute: sie hatten auch eine Körperlehre. Keine Philosophie der abstrakten Vernunft, sondern eine Lehre, die am leiblichen Erleben ansetzt.

Stufen des pneuma und der lebendige Kosmos

Vor dem Anfang der Welt haben sich zwei Prinzipien, der göttliche logos (oder Gott, theos) und die unbelebte Materie (hyle), vermischt und den Kosmos geformt. Und das Medium dieser Durchdringung ist das pneuma - ein feinstofflicher, warmer Hauch, der alles durchzieht und zusammenhält.

Wichtig: der logos ist hier nicht Vernunft im modernen Sinne. Ich lasse ihn bewusst als logos stehen. Er ist die allem innewohnende Ordnungskraft des Kosmos - das, was allem seine Form, seinen Zusammenhang, seine Richtung gibt. Und er ist in allem, nicht über allem.

Das pneuma kommt dabei nicht überall in gleicher Dichte vor. Die Stoiker beschreiben eine Stufenleiter - die scala naturae:

In anorganischen Dingen sorgt das pneuma für die gestaltgebende und zusammenhaltende Spannung der Dinge - hexis. In Organismen tritt Stoffwechsel und zielgerichtetes Wachstum hinzu - physis. In Tieren kommen Wahrnehmung, Empfindung und Trieb dazu - psyche. Und im Menschen schließlich: sprachfähiges Bewusstsein und Wille - logos. Die höheren Stufen integrieren die niederen. 1

Wir Menschen sind also ein "zusammengesetztes Wesen" und haben den logos als höchste Natur in uns. Es ist das höchste Prinzip, das wesensgleich ist mit dem stoischen Gott, "dem leitenden Prinzip des Weltganzen". 2

Das bedeutet: der Mensch ist nicht Geist mit Körper, sonder von Grund auf pneumatisch durchgängig - von der unbelebten Knochensubstanz bis zum logos.

tonos - die spürbare Spannung

Ein Schlüsselwort ist tonos - innere Spannung. Das ist die Qualität des pneumas in einem Ding oder Wesen.

Ein gesunder, kohärenter tonos bedeutet beim Menschen: das Seelenpneuma schwingt im Einklang mit dem logos. Das fühlt sich an - als (grundlose) Freude, Weite, als Fluss, als Stimmigkeit. Eine gestörte, inkohärente Spannung fühlt sich anders an: als Enge, als Kontraktion, als das Zusammenziehen, das wir gerade bei der Scham beschrieben haben.

Die Stoiker haben die Seelenbewegungen - Affekte, Emotionen - ja in physiologisch greifbaren Wörtern beschrieben: ein positives Gefühl ist eine ist eine Lockerung oder Schwellung und ein negatives Gefühl, bspw. Schmerz oder Trauer, eine Kontraktion (systole alogos) oder Verkrampfung des Seelenpneumas. 3 Anderswo sind auch "Zusammenziehungen, Ausdehnungen, Hebungen und Senkungen" beschrieben. 4

Soll heißen: wenn sich innerlich etwas bewegt, dann ist es das Seelenpneuma, eine Veränderung oder Ablenkungen der inneren Spannung (tonos).

Die Stoiker haben also beschrieben, was im Körper passiert.

telos - wohin das alles zielt

Ein weiteres wichtiges Puzzlestück ist zu verstehen, wie die Stoiker das Ziel des Menschen gesehen haben. Da sind uns verschiedene Zielformulierungen überliefert. 5

Was ist das Ziel des Lebens, das Telos, das Ziel, auf das hin alles ausgerichtet ist? Es ist das gute Leben, auf Griechisch to eudaimoneîn. Und damit meinen sie das, wessentwillen wir alles tun - aber es selbst wird um keines anderen Zweckes willen angestrebt. Es ist der Endpunkt, nicht ein Mittel.

Dieses gute Leben besteht im Leben gemäß der Tugend (kat' aretēn zên). Oder gleichbedeutend: im stimmigen, übereinstimmenden Leben - homologoumenōs zên. Und was dasselbe ist: im Leben gemäß der Natur - kata physin zên. Diese drei Formulierungen sind drei Perspektiven auf dasselbe.

Das mittlere Wort ist aufschlussreich: homologoumenos - übereinstimmend, im Einklang. Homo-logou-menos: mit dem logos zusammenstimmend - zusammenstimmend wie in symphonia. Das sind Resonanzbegriffe.

Zenon hat Glück dann als euroia biou definiert - als Wohlfluss des Lebens. Ein schönes Bild. Kein erzwungenes Glück, sondern eines, das fließt.

Was heißt es denn, wenn das Leben gut fließt? Keine Hindernisse, freier Fluss, freies Mit-Fließen mit dem, was ist.

Chrysipp hat das Ziel später so formuliert: "Leben gemäß der Erfahrung dessen, was von Natur sich ereignet" (zên kat’ empeirian tôn physei symbainontōn) 6

Erfahrung. Nicht Wissen. Nicht Theorie. Erfahrung, erleben dessen, was sich ereignet.

Der Punkt bzw. das Ziel ist dann, ein stimmiges, konsistentes, kohärentes, mit sich selbst und dem Lauf der Dinge im Einklang befindendes Leben zu leben.

Die Stoiker behaupten: wer so lebt, lebt eudaimon. Das bleibt eine Behauptung. Wo ich mir sicher bin, ist: wer im Einklang mit seiner logos-Natur lebt, wird kohärenter. Der tonos stabilisiert sich. Die eupatheiai treten häufiger auf. Ob das Glück ist im Sinne von angenehmen Gefühlen - das bleibt offen. Aber es ist spürbar anders als das Zusammenziehen der Scham.

Doch es ergeben sich noch zwei Herausforderungen: zum einen sind wir von zusammengesetzter Natur und wir sind eingebunden in eine größere soziale Natur der Menschheit. Wenn ich aber mehrere Naturen gleichzeitig bin - und in mehreren Kreisen gleichzeitig lebe - dann ist Kohärenz keine einfache Ausrichtung auf eine höchste Natur. Dann ist sie ein komplexes Zusammenstimmen von allem, was ich bin. Daher gibt es keine stoischen Komplettlösungen für besondere Situationen, sondern jeder darf für sich selbst seinen Weg zur Kohärenz und zum Wohlfluss des Lebens finden

Urteile und verkörperte Bewertungen

Was steht diesem freien Fluss und dem Einklang im Weg? Schlechte oder unrichtige Urteile über uns, andere und die Welt. Hier kommt das zutragen, was man heute als kognitivistische Theorie der Emotionen bezeichnet.

Gefühle sind immer auf etwas gerichtet - auf eine Situation, ein Ereignis, einen Sachverhalt. Und in diesem Gefühl steckt immer eine Bewertung: Das ist gut. Das ist schlecht. Das ist bedrohlich. Das ist schön. Gefühle sind also keine blinden Reaktionen - sie enthalten eine Meinung über die Welt.

Für die Stoiker folgt daraus etwas Entscheidendes: Die Affekte - also das, was uns überwältigt, was uns aus der Bahn wirft und den Wohlfluss des Lebens stört - entstehen aus falschen Bewertungen. Nicht die Situation selbst macht uns wütend oder ängstlich, sondern das Urteil, das wir darüber fällen. (Grüße von Epiktet)

Aber - und das ist entscheidend - diese Urteile sind nicht immer bewusst. Aus heutiger Sicht, spätestens aus der Traumaforschung, wissen wir: viele Bewertungen sind bereits verkörpert, verinnerlicht, habitualisiert. Das Einfrieren vor einer Präsentation. Das automatische Kleinwerden in bestimmten sozialen Situationen. Das ist keine bewusste Zustimmung zu einem Urteil - das ist ein tonos, ein habitus, der sich geformt hat, bevor wir überhaupt darüber nachdenken und reflektieren konnten.

Dieses Phänomen könnten wir bei den Stoikern bei den propatheiai verorten - Voraffekte. Reaktionen, die unterhalb der bewussten Zustimmungsebene ablaufen. Sie gelten nicht als moralisches Problem - aber sie zeigen: der tonos hat hier eine Prägung bekommen, die der philosophischen Bildung (paideia) bedarf.

Das Urteil und der tonos bedingen sich also gegenseitig. Ein chronisch kontrahierter tonos - wie bei der Scham - macht klare Wahrnehmung schwerer. Und unklare Wahrnehmung festigt die Kontraktion.

Doch bevor wir unsere Urteilsinstanz und unseren tonos neu ausrichten können, müssen wir erst wissen, was überhaupt etwas Erstrebenswertes, Gutes ist.

Das Gute & Wert

"Das Gute ist Nutzen oder nichts anderes als Nutzen“ heißt es bei Sextus Empiricus über das Gute bei den Stoikern. 7 Das Gute muss der Natur eines Dinges nützen. Wie ich weiter oben angedeutet habe, ist der Mensch ein "zusammengesetztes Wesen" und seine höchste Natur ist seine logos-Natur. All die anderen Naturen sind dem Lauf des Schicksals ausgesetzt und entsprechend wenig bis gar nicht in unserer Kontrolle.

Aber was ist das Gute für unsere logos-Natur? Na alles das, was diese erhält bzw. ihr nützt.

Heißt das, dass man sich um die "niederen" Naturen nicht kümmern soll? Nein, sondern ihnen den angemessenen Wert zuweisen. Daher lehnen die Stoiker auch das vernarrte Streben nach Indifferenten Dingen, wie Gesundheit, Ruhm oder Reichtum ab - sie dienen unserer logos-Natur nicht. Die Art und Weise, wie wir mit diesen Dingen umgehen bzw. welche Beziehung wir zu ihnen haben, entspricht schon eher den Qualitäten unserer logos-Natur. Die Indifferenten Dinge können gut oder schlecht verwendet werden.

Das eigentliche Gut erhält und stärkt den tonos der logos-Natur. Es bringt das Seelenpneuma in eine Qualität, die mit dem logos kohärent ist. Und das zeigt sich - körperlich, spürbar - als eupatheiai: die guten Gefühle. Nicht Lust im hedonistischen Sinne, sondern Freude, Weite, Stimmigkeit. Das Gegenteil von Trauer, Schmerz und anderen naturwidrigen Zuständen der Seele (systole alogos).

Wenn das Gute das ist, was die logos-Natur erhält und stärkt - und wenn Kohärenz aller Naturen das Ziel ist - dann stellt sich die Frage: wie kommt man dahin?

Die Stoiker hatten eine klare Antwort: durch Tugend. Aber nicht Tugend als moralische Pflicht oder gesellschaftliche Erwartung. Sondern als Fertigkeit - als techne des kohärenten Lebens - Philosophie als Lebenskunst.

Tugend als techne - paideia als Kultivierung

Für die Stoiker ist die Tugend nicht nur eine Form von Wissen (episteme), sondern auch eine Kunst, ein Handwerk (techne). Das heißt, dass man sie erlernen kann - einmal in Form von bloßem Wissen, aber vor allem dadurch, dass sie als Fertigkeiten in Fleisch und Blut übergehen und somit das innere des Menschen, unseren tonos, in eine Spannung bringen können, die unserer logos-Natur entspricht.

Und dafür brauchen wir Bildung: paideia ist Kultivierung des tonos. Nicht Wissenserwerb, sondern die langsame Formung einer inneren Qualität, die klare Wahrnehmung ermöglicht und kohärentes Handeln ermöglicht.

Klassische stoische Übungen - prosoche, die aufmerksame Selbstbeobachtung oder die praemeditatio malorum, die Vorübung schwieriger Situationen - all das zielt auf denselben Punkt: den tonos von oben herab (top-down) zu kultivieren, durch Aufmerksamkeit und Urteil.

Aber es gibt eine zweite Richtung. Wenn Urteile bereits verkörpert sind - wenn der tonos durch Erfahrung, Prägung, vielleicht auch durch Trauma eine Qualität bekommen hat, die sich der bewussten Zustimmung entzieht. Da reicht der Weg vom Verstand allein nicht aus. Dann braucht es Praktiken, die den tonos von unten adressieren. Am Körper, am Nervensystem.

Oder, wie Epiktet sagt, beginnt die Philosophie bei der Wahrnehmung der Verfassung des eigenen hegemonikons. 8

Und ja, wir haben körperliche Übungen bei den Stoikern, die aber oft in die Richtung interpretiert werden, den Körper geringzuachten. Aber wenn der Mensch durchgängig pneumatisch ist - wenn tonos leiblich-seelisch ungetrennt ist - dann gehört die richtige körperliche Kultivierung zur paideia dazu.

Welche Praktiken das konkret sind - und wie sie sich zu den klassischen stoischen Übungen verhalten - das ist das Thema der nächsten Episode.



  1. Forschner, S. 185 

  2. Forschner, S. 185 

  3. Forscher, S. 232 

  4. Forschner, S. 225 

  5. Forschner, S. 178 

  6. Forschner, S. 179 

  7. Sextus Empiricus AM XI, 22. 

  8. Epiktet, Unterredungen 1.26 

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag